Einen wunderschönen guten Tag, Freund:innen der Reisen und der Literatur!
Ihr habt richtig gelesen - ich war im Harz. Also folgt mir gedanklich in die verregneten Wälder und Städtchen des höchsten Gebirges Norddeutschlands ...
Wie jeder große Literat bzw. große Literatin und solche, die es werden wollen, habe auch ich mich dieses Jahr zu einer Harzreise aufgemacht. Denn was gibt es Poetischeres, als durch verwunschene (vielleicht sogar verhexte) Wälder und langsam aber sicher vergessene Land- und Ortschaften zu streifen? Sicher einiges, aber so eine Harzreise soll schon so Manchen die ein oder andere Inspiration verschafft haben. Abgesehen von alledem habe ich aber noch ein anderes Motiv, diese Reise zu unternehmen, denn meine Großmutter sowie ihre Vorfahren stammen hierher, und in unserer Familie wird so viel von diesen Orten erzählt, dass man irgendwann vielleicht gar nicht anders kann, als einmal selbst herzukommen und sie mit eigenen Augen zu sehen.
In strömendem Regen begehen mein Vater und ich also an einem Montagmorgen die etwa einstündige Autofahrt in die - übrigens sehr malerische - Harzlandschaft vor und um Katlenburg. Wer von diesem Städtchen noch nie gehört hat - keine Sorge, völlig normal. Für uns hat es jedoch eine besondere Bedeutung, denn mein Ururgroßvater hat hier gelebt und letztlich dafür gesorgt, dass unsere Familie einmal existieren und sich Geschichten über Katlenburg erzählen würde.
Interessanterweise war ich vor Jahren schon einmal hier, eher durch Zufall und ohne zu wissen, dass ich eine Verbindung zu diesem Ort habe. Von Göttingen aus habe ich mit einer Freundin einen spontanen Trip „irgendwo in den Harz“ unternehmen wollen. Mit dieser Idee sind wir damals ins Auto gestiegen, und letztlich dann nicht besonders weit gekommen, sondern eben nur bis nach Katlenburg. Und das war im Rückblick betrachtet krass. Denn als wir kurz hinter dem Ortseingang links abgebogen, dem Schild Richtung „Burg Katlenburg“ gefolgt und dann den recht steilen Berg hinaufgelaufen sind, hatte ich eines der wenigen Male in meinem Leben ein richtig starkes Déjàvu-Gefühl. Ich hatte keine Ahnung, warum, aber als wir um die Ecke gebogen sind und das Burgareal (übrigens durchaus sehenswert!) in Sichtweite kam, war in mir drin das ganz sichere Gefühl, dass dieser Platz etwas mit mir zu tun hat, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, was es war. Erst später hat meine Mutter bei meiner Erzählung den Namen erkannt, und ich habe verstanden, wo ich da „durch Zufall“ gewesen bin.
Diesmal bleibt das Gefühl direkt hinter dem Ortsschild jedoch aus. Weder mein Vater und ich erkennen die Abzweigung und kurven erst dreimal durch die Ortschaft, bevor wir den richtigen Weg finden. Als wir oben sind, ist das Areal immer noch genauso schön, aber das merkwürdige Bauchkribbeln, mit dem ich auch diesmal fest gerechnet hatte, fehlt. Ich frage mich immer wieder, was es ist, das Erinnerungen an Orte so sehr verzerrt, dass die Realität irgendwann nicht mehr mithalten kann.
Aber naja, hier erstmal ein paar Informationen zur Burg Katlenburg (bzw. Catelnborg, wie sie ganz zu Anfang hieß): Sie hat im Lauf der Jahrhunderte so einiges erlebt, wurde von einer Grenzburg zum Kloster, brannte mindestens zweimal ab und wurde im 19. Jahrhundert schließlich zu einer Domäne, also einem landwirtschaftlichen Betrieb. Und hier kommt besagter Ururgroßvater ins Spiel. Der betrieb nämlich unten im Dorf, am Fuß des Berges, eine Art (so ganz genau weiß es niemand) Kolonialwarenladen. Ich stelle ihn mir immer wie den Gemischtwarenladen von Mr. Hobbes in New York (aus dem Film „Der kleine Lord“) vor, voller Fässer mit Lebensmitteln und Papiertüten, aber das ist wahrscheinlich ziemlich weit von der Realität entfernt. Dieser Laden von Ururgroßvater Emil jedenfalls belieferte die Domäne mit Kolonialwaren, und wurde vermutlich auch selbst wiederum von der Domäne mit landwirtschaftlichen Produkten beliefert. So in der Art. An besagtem Haus waren wir (nach längerem Suchen) ebenfalls. Es ist noch bewohnt, aber der Laden steht leer. Wer weiß, vielleicht wohnen ja nach wie vor andere Nachfahr:innen von ihm darin - ich habe mich nicht getraut, zu klingeln und nachzufragen. Möglich ist es aber, denn Emil hatte ziemlich viele Kinder von insgesamt drei Ehefrauen. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er deren Schwester, und als auch diese das Zeitliche segnete dann die zwanzigjährige Haushälterin. Von dieser Haushälterin, von der ich zu gern mehr wüsste, stammen wir ab.
Nach einem Kaffee in Katlenburg geht die Fahrt weiter. Leider bestätigen die Orte, durch die wir kommen, weitgehend das Klischee des Harzes: Das Leben hier scheint woanders stattzufinden. Wir fahren vorbei an unscheinbaren Häusern mit grau verkleideten Fassaden, die wie Geister am Straßenrand kauern und an Bergen, die zwischen Nebelwänden aufragen und dann wieder verschwinden. Noch hält die Regenpause an, aber das Wetter ist trotzdem ungemütlich grau - der Herbst ist da und malt gelbe Punkte auf eine graue Leinwand.
Unser Zielort ist das sagenumwobene Teichhütte - das Dorf, in dem meine Großmutter aufgewachsen ist. Als ich vor dem Ortsschild stehe, wird mir zum ersten Mal bewusst, dass dieser Ort tatsächlich existiert und nicht nur Teil einer Familienlegende ist. Direkt hinter besagter Ortstafel steht noch heute die Tankstelle, die damals, vor guten 100 Jahren mein Urgroßvater betrieben hat und in deren Hinterzimmer ein großer Teil der Kindheit meiner Oma stattgefunden hat. Dem Haus würde man vermutlich, hätte man keinen Bezug dazu, keinen zweiten Blick widmen, aber mein Vater und ich verbringen eine ganze Weile dort, und insbesondere der Bach hinterm Haus, von dem Oma selbst mir so oft erzählt hat, hat es mir angetan.
Irgendwann beginnt es zu nieseln. Im Regen besichtigen wir noch den Bahnhof Gittelde/Bad Grund, von dem aus meine Großmutter immer den Zug zur Schule genommen hat. Es ist eine Sightseeingtour der etwas anderen Art, die wir da machen. Es gibt eigentlich nichts zu sehen, und doch alles.
Ansonsten ist Teichhütte ein eigenartiger Ort. Ich würde es, ehrlich gesagt, kaum als Dorf bezeichnen; eher als eine ziemlich wahllos wirkende Ansammlung an Häusern, die nur in losem Zusammenhang miteinander zu stehen scheinen. In der Mitte steht ein Edeka-Einkaufszentrum, das den Ort weitgehend beherrscht. Die Tankstelle meiner Urgroßeltern steht am äußersten Ortsrand, wie gesagt, direkt am Ortsschild, und in gewisser Weise passt das zu dem, was ich von der Lebensweise der beiden weiß. Trotzdem hat der Ort eine nicht zu leugnende Wirkung auf mich. Vielleicht liegt es einfach daran, dass mir schon so oft von ihm erzählt wurde und sich so viele Geschichten um ihn ranken. Vielleicht ist es eine besondere Aura, weil dieses Haus so eine Art Pilgerort unserer Familie ist, den gefühlt jede/r schon mal besichtigt hat (ich frage mich, ob die aktuellen Hausbewohner sich wundern, dass alle paar Jahre fremde Leute sich vor ihrer Haustür herumdrücken und ein so ungewöhnliches Interesse für dieses ganz und gar gewöhnliche Haus zeigen). Vielleicht ist es aber auch tatsächlich meine Oma, die bei uns ist und sich freut, dass wir ihren Geburtsort besuchen - wer weiß.
Auf den Bildern unten sieht man die Domäne Katlenburg sowie die "berühmte" Teichhütter Tankstelle.
Die Nacht und den nächsten Tag verbringen wir in Goslar. Schon beim ersten kurzen abendlichen Rundgang in Nässe und Dämmerlicht bin ich überrascht, wie schön und, ich denke, man kann sagen: wie herrschaftlich dieses Städtchen daherkommt. Ich hatte ein verschlafenes, eher heruntergekommenes Nest erwartet, aber tatsächlich wartet eine richtig schöne Altstadt mit einem ziemlich beeindruckenden Marktplatz auf uns. Heinrich Heine ging es auf seiner Harzreise 1824 anscheinend genau umgekehrt (vielleicht kam daher auch mein Vorurteil?), denn er schreibt:
„Der Name Goslar klingt so erfreulich, und es knüpfen sich daran so viele uralte Kaisererinnerungen, daß ich eine imposante, stattliche Stadt erwartete. Aber so geht es, wenn man die Berühmten in der Nähe besieht! Ich fand ein Nest mit meistens schmalen, labyrinthisch krummen Straßen.“
Aber ich mag schmale, labyrinthische Straßen auch gerne, von daher handelt es sich vielleicht auch einfach um eine Geschmacksfrage. Das Straßenbild ist von sehr viel reich verziertem Fachwerk, und abgesehen davon von Häusern mit Schieferverkleidung geprägt. Fachwerk-Fans sind hier auf jeden Fall gut aufgehoben, denn an fast jedem Haus gibt es aufwendige Schnitzereien, bunte Ornamente und fast immer auch einen frommen Spruch über der Haustür, der einen daran erinnert, immer schön brav zu beten und um Gottes Beistand zu bitten.
Neben der Altstadt ist das Bergwerk Rammelsberg für den Status Goslars als Weltkulturerbe verantwortlich. Über 1000 Jahre wurde hier Bergbau betrieben - schon beeindruckend. Heute erfüllt das Bergwerk nur noch touristische Zwecke. Ansonsten ist noch die Kaiserpfalz zu erwähnen, über die ich allerdings nicht mehr sagen kann, als dass sie von außen schön anzusehen ist. An dem Tag fühle ich mich eher als Kulturbanausin und entscheide mich gegen einen Museumsbesuch.
Stattdessen machen wir am Morgen eine ziemlich lange und ziemlich architekturlastige Stadtführung, und im Anschluss mache ich das, was ich auf Städtetrips eigentlich am liebsten mache: mich treiben lassen.
Am späten Nachmittag geht es dann nochmal auf Spurensuche. Im zweiten Weltkrieg waren in Goslar viele Lazarette eingerichtet, und in einem davon haben sich meine Großeltern kennengelernt - er als verwundeter Soldat, sie als Krankenschwester. The rest is history. Vorher und auch hinterher war besagtes Lazarett ein Altenheim; heute steht es leer. Trotzdem war es schön, zu dem Fenster hochzuschauen, indem wohl mein Großvater damals lag und zum ersten Mal meine damals noch ganz junge Großmutter sah. Eine schöne Vorstellung, und trotzdem auch eigenartig der Gedanke, dass es ohne diesen schrecklichen Krieg und seine Folgen meine Familie heute wahrscheinlich gar nicht geben würde. Obwohl, wer weiß, vielleicht hätte das Schicksal auch einen anderen Weg gefunden …
An unserem dritten und vorletzten Tag setzen wir einen Plan in die Tat um, den ich schon länger hege - auf den Brocken wandern. Das Wetter ist leider anhaltend schlecht, und je näher wir unserem im Navi eingegebenen Ziel kommen, umso dichter wird der Nebel. Aber nun sind wir schon unterwegs, und so biegen wir schließlich auf den Wanderparkplatz in Torfhaus (was ein Ort, kein Haus ist) ein. Im Wanderzentrum wird uns nochmals abgeraten, die Tour heute zu machen - „da haben Sie nichts davon“ - und alternativ ein Rundweg rund um das sogenannte Torfhausmoor vorgeschlagen. Als wir wieder draußen stehen und ich versuche, nicht zu enttäuscht zu sein, ist mein Vater aber plötzlich sehr entschieden und sagt: „Los, wir machen es trotzdem. Umkehren können wir immer noch.“ Und ich nehme es direkt vorweg: Wir sind nicht umgekehrt. Wir waren oben, und auch wenn der Brocken uns sein Gesicht nicht zeigen wollte und wir fast durchgehend durch Sprühregen gegangen sind, bin ich froh, dass wir uns nicht haben abhalten lassen. Im Grunde war diese Wanderung eine ziemlich gute Metapher für das Leben und für das, was mir oft noch schwer fällt: Die Dinge trotzdem machen, auch wenn die Umstände unangenehm sind oder dagegen zu sprechen scheinen.
Hier einmal die Aussicht, mit der wir oben angekommen belohnt wurden:
Lange aufgehalten haben wir uns nicht dort oben, denn wie man sieht, sah man nicht gerade viel, und die Gaststätte dort oben war auch nicht sehr einladend bzw. rettungslos überlaufen. Tatsächlich war also der Weg schöner als das Ziel, denn der Nebel und die bunten Blätter haben die Welt um uns herum in einen herbstlichen Zauberwald verwandelt.
Was sehr auffällt dort, sind die unzähligen abgestorbenen Bäume, die im Wald am Brocken stehen. Anfangs haben sie mich traurig gemacht - als ginge man einmal mehr durch eine sterbende Landschaft, keinen Zauber-, sondern einen Geisterwald. Tatsächlich ist es aber, wie ich später gelernt habe, so, dass die Bäume absichtlich stehengelassen und komplett sich selbst überlassen werden, damit sich die Natur erholen und wieder ein nachhaltiger und gesunder Wald entstehen kann. Totholz, so kann man auf den Infotafeln dort lesen, ist nämlich ein wichtiger Lebensraum für viele Tierarten und kann als Grundlage für neues Leben dienen. Um also noch eine letzte kluge Lebensweisheit aus dieser Wanderung abzuleiten: Manchmal muss man etwas zu Ende gehen lassen, damit Neues entstehen kann, und nicht alles, was traurig aussieht, ist es in Wirklichkeit auch.
Trotzdem würde ich den Brocken das nächste Mal auch gerne sehen, wenn ich dort bin. ;)
An unserem letzten Tag geht es dann noch nach Osterode - die Neugier ist groß, denn Heine schreibt über diese Stadt sehr vielsagend und inspirierend:
„Diese Stadt hat so und so viel Häuser, verschiedene Einwohner, worunter auch mehrere Seelen.“
Heute stehen leider sehr viele der so und so vielen Häuser leer, und ich würde vermuten, auch die Einwohnerzahl ist tendenziell sinkend. Während Goslar trotz seines historischen Flairs super gepflegt wirkt, blättert in Osterode die Farbe von den Fachwerkbalken. Das Gefühl, durch eine im Abbruch begriffene Welt zu spazieren, ist auch hier nicht zu ignorieren.
Der Befund, dass sich auch „mehrere Seelen“ in dieser Stadt finden, kann ich aber voll und ganz bestätigen. Vielleicht fällt es mir besonders auf, weil ich aus dem, sagen wir mal vorsichtig, etwas zugeknöpften Nordhessen komme, aber die Menschen in Osterode sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Gleich zweimal werden wir angesprochen, ob wir etwas suchen und ob man uns weiterhelfen könne. Da wir nur auf der Suche nach Spuren aus der Vergangenheit und ein paar Familiengeistern sind, können uns auch Ortskundige natürlich nicht helfen - aber nett war es trotzdem!
In Osterode ist meine Großmutter zur Schule gegangen, und hat nachmittags dann ihre Tante besucht, die dort in einer Wohnung in einem (ebenfalls eher unscheinbaren) Haus wohnte. Ich weiß nicht genau, warum mich diese Tante so fasziniert - sie hat eigentlich Zeit ihres Lebens nicht viel gemacht außer von ihrer Witwenrente zu leben und Bücher zu lesen - aber die Faszination reicht jedenfalls aus, um so angetan vor ihrem Haus auf und ab zu laufen, dass Passanten das Bedürfnis haben, mir weiterhelfen zu wollen. Tja. Ich glaube, es liegt daran, dass mir mein Vater erzählt hat, dass ihr früh verstorbener Mann, ein Angestellter bei der Deutschen Bahn, ihr lebenslänglich die Möglichkeit verschafft hat, kostenlos mit dem Zug durch die Republik zu fahren. Davon hat sie, soweit ich weiß, nicht mal viel Gebrauch gemacht, aber in meinem Kopf ist sie eine selbstbestimmte Frau, die ohne Mann gelebt, gelesen und Zugreisen gemacht hat, und das finde ich eigentlich kein schlechtes Lebenskonzept. Daran zeigt sich mal wieder, dass die Realität viel weniger wichtig ist als die Vorstellung, die wir uns von ihr machen.
Bevor wir die endgültige Heimfahrt antreten, trinken wir nochmal einen Kaffee in Katlenburg; in derselben Bäckerei, in der wir auch an unserem ersten Tag waren, und damit endet unsere Reise am selben Ort, an dem sie begonnen hat. Mit einem letzten Blick auf den Laden von meinem Ururgroßvater, von dem ich jetzt etwas mehr, und doch eigentlich fast nichts weiß, verlassen wir Katlenburg und den Harz - vorerst, aber nicht für immer.
Ich möchte dir gern Blumen schenken,
aber sie waren zu schön
zu zerbrechlich
zu unversehrt,
um sie zu pflücken
Deshalb komm spazieren mit mir
und ich zeige dir
all die Farbenpracht,
die mich an dich erinnert hat
Es sind keine Rosen in unserem imaginären Strauß,
denn sie sind zwar schön,
aber zu elegant-elitär
Du dagegen bist ein Meer aus Wildblumen
Ein Blütenmeer
Gefunden, unerwartet, am Wegesrand
in tausend Farben, mit denen man nie gerechnet hat
Wenn der Sommer langsam kommt, finde ich dich
in tiefmohnroten Feldern
Pures Leben, kondensiert
Nicht einzufangen, auszudrücken
Niemals konserviert
Klatschmohntraum
besprenkelt mit feinem Pinsel
aus Kornblumenblau
Später im Jahr werden hier Sonnenblumen stehen
und, paradox genug, dir genauso ähnlich sehen
Doch komm, hier biegen wir nochmal ab
Siehst du den Vergissmeinnicht?
Er ist so blau wie die Vorstellung,
dass auch du mich eines Tages vergisst
Er ist wie ein Traum auf einer Wiese im Wald
Klein, fast unscheinbar, eine stille Gewalt
Weiter auf unserem Weg wartet
still, geduldig, hundertfach: Wegwarte
So wie sie hoffe auch ich,
dass du einst auf mich wartest,
wenn das Leben mal wieder zu schnell für mich ist
Denn wenn du die Blüte bist,
bin ich die Grashalme, die sich um sie herum im Abendlicht wiegen
Ganz hübsch anzusehen, aber nicht zu viel mehr zu bewegen
Versprich mir, dass wir herbstzeitlos sind
und bleiben
Am Weg warten,
auch wenn er wie dieser Abend zu Ende geht
Du auf mich, ich auf dich -
Und noch etwas
Bitte
Vergissmeinnicht
Die Einhörner schlafen heute
Der Nebel schließt sie ein in sich
Ein Schimmer erstes Tageslicht –
Noch ist es nächtlich schummerig
Sie wissen nicht, was Kummer ist
Ich werd ihn auch nie wieder kennen
Denn die Nacht schwindet
Und es tropft Sternlicht von meinen Händen:
Um den Tag zu beginnen
Muss alles andere enden
Und zwischen den Ästen steht einer
Der seinen Augen nicht traut
Du kannst sie nicht mehr von mir lassen –
Denn da ist Morgentau auf meiner Haut
Und ein erster flimmernder Sonnenstrahl
Komm mit mir unter die Apfelbäume
Erinnerst du dich noch an deine Träume?
In meinen kamen die Einhörner vor:
Ich weiß noch, dass sie müde waren
Und dass ich entsetzlich fror
Doch jetzt ist Morgen und der Tag ist noch weit
Saft tropft golden von deinen Lippen
Und ich will, dass du es von meinen liest
Das hier war die ganze Zeit
Das Paradies
Hallo liebes Internet,
inzwischen ist Frühling, aber in meiner Notiz-App schlummert seit Monaten der Bericht über meinen kleinen Herbstausflug nach Weimar. Ganz getreu dem Motto "Besser spät als nie" kommt hier also Weimar aus meiner Sicht - enjoy!
Der Herbst hat Einzug gehalten, aber mein Sommerurlaub hält noch eine weitere Woche an. Zeit genug, um endlich einen Plan in die Tat umzusetzen, den ich schon lange mit mir herumtrage: Weimar.
Weil ich gerne meine Tradition weiterführen möchte, die eigentlich noch gar keine ist, da ich sie erst ein einziges Mal begangen habe: gelegentlich kleine Solo-Trips zu unternehmen. Am besten an die Wohn- oder Inspirationsorte irgendwelcher großer Literat:innen, in Städte, die voller Worte und Geschichte stecken. Teil 1 hat vor zwei Jahren in Lübeck stattgefunden, wo ich auf den Spuren der Buddenbrooks gewandelt bin. Obwohl es nur ein kleines unscheinbares Wochenende war, ist es eine meiner liebsten Erinnerungen der letzten Jahre, vor allem, weil es eine meiner ersten Reisen war, die ich allein gemacht habe. Auch wenn es mittlerweile ein schon abgenutzter Ratschlag ist, kann ich ihn doch nur bekräftigen: Alleine verreisen macht wirklich viel mit einem. Selbstwirksamkeit verleiht ein derartiges Gefühl der Freiheit; ich kann es einfach nur empfehlen. Vor allem Dinge, für die man ein spezielles Interesse hat, das vielleicht nicht unbedingt jeder Mensch teilt, machen allein im Zweifel sogar mehr Spaß: In meinem Fall musste ich nämlich zum Beispiel niemandem erklären, warum ich gerne noch eine Stunde mehr im Buddenbrook-Haus herumhängen wollte, und niemand (außer ein paar Passantinnen) hat sich über meine Euphorie über das Straßenschild der Lübecker Mengstraße gewundert. Es sind Momente, die man sich selbst schenkt. Deshalb freue ich mich jetzt umso mehr, dass ich auch durch Weimar in meinem ganz eigenen, für die meisten Leute eher zu langsamen Tempo schlendern kann und so viel Zeit in Literaturmuseen totschlagen kann, wie ich will. Als Literaturwissenschaftlerin und -nerd gehört man außerdem wohl sowieso mindestens einmal im Leben hierher.
Das führt mich zum zweiten Grund, warum ich seit Ewigkeiten plane, endlich nach Weimar zu fahren: Ich war nämlich schon einmal hier. Wie lange das schon her ist, traue ich mich kaum laut auszusprechen. Gottseidank hat Schrift keine Lautstärke, obwohl zwölf Jahre auch aufgeschrieben gnadenlos nach Älterwerden klingen. Aber das ist ein anderes Thema.
Jedenfalls war ich noch zu Schul-, genauer gesagt: Abiturzeiten einmal hier. In welchem Zusammenhang, weiß ich gar nicht mehr genau; ich vermute, weil naheliegend: mit dem Deutsch-Leistungskurs. Diese Weimar-Exkursion wiederum ist eine meiner liebsten Erinnerungen aus der Schulzeit.
Mit Erinnerungen ist es eine merkwürdige Sache, insbesondere mit denen aus Kindheit und Jugend. Wenn ich zum Beispiel an diesen Schulausflug denke, habe ich sofort ein warmes Gefühl an irgendeiner schwer zu ortenden Stelle in mir drin, und das, obwohl ich viele Einzelheiten überhaupt nicht mehr vor dem inneren Auge aufrufen kann. So kann ich mich an die Museen nur sehr schemenhaft erinnern - ich weiß, dass mich die Anna-Amalia-Bibliothek sehr beeindruckt hat, aber Goethe- und Schillerhaus sind zwei Leerstellen in meinem Kopf. Es ist eher eine logische Schlussfolgerung, dass wir diese wohl besucht haben müssen, als eine handfeste Erinnerung. Was geblieben ist, ist der freie Nachmittag, den ich kichernd mit zwei Freundinnen verbracht habe. Wenn ich in den letzten Jahren an Weimar gedacht habe, hatte ich eine Fußgängerzone und ein bestimmtes Straßencafé vor Augen, das mir an diesem Tag wie die Kulisse eines fröhlich-sommerlichen Musicals vorkam. Kitschig, ich weiß, aber trotzdem wahr.
Als ich nach meiner Ankunft einen ersten abendlichen Spaziergang durch die Innenstadt mache, geht es mir aber so, wie es wohl schon vielen Menschen ergangen ist: Wenn man einen solchen Erinnerungsort Jahre später erneut betritt, ist nichts so, wie man es erwartet hat. Die Proportionen verrutschen irgendwie, die Wirklichkeit kann nicht mithalten und alles wirkt kleiner, weniger leuchtend - anders eben. Beim besten Willen kann ich das Café, in dem wir damals saßen, nicht wiedererkennen. Die Fußgängerzone wirkt vage vertraut, aber doch wie ein unbekannter Ort, den ich gerade zum ersten Mal betrete. Auch mit neuen Augen betrachtet ist Weimars Innenstadt aber sehr hübsch und auf jeden Fall immer wieder einen Besuch wert. Ganz so nostalgisch wie erwartet fühle ich mich nicht, beschließe aber, dass das eigentlich sogar etwas Gutes ist - jetzt kann ich die Stadt für die nächsten zwei Tage fast unvoreingenommen erkunden. Ist doch auch wieder irgendwie schön, wenn man älter und scheinbar langsam vergesslich wird!
Den Weg von meiner Airbnb-Unterkunft ins Weimarer Zentrum finde ich an meinem ersten Morgen sogar schon ohne Google Maps, und so bin ich für Akademiker-Verhältnisse früh auf und nach einem kurzen Frühstück bereits an der Touri-Information am Marktplatz, wo ich eine „Weimar-Card“ erstehe, die mir für die nächsten 48 Stunden Eintritt in sämtliche Weimarer Museen und Nahverkehrsmittel gewähren soll. Das gute Stück kostet 32 Euro, was sich aber bestimmt rechnen wird bei meinem geplanten Programm. Außerdem ist die unumgängliche Stadtführung, an der ich um 10 Uhr teilnehmen möchte, ebenfalls inbegriffen - was ein Schnapper.
Die restliche halbe Stunde bis zu Beginn der Führung umwandere ich ein wenig planlos die sehr szenische Kulisse des Marktplatzes und umschiffe dabei möglichst die vielen Schulgruppen, die gelangweilt in Grüppchen umherstehen und augenscheinlich ebenfalls auf den Beginn ihrer Tagesaktivitäten warten. Es ist wirklich auffallend, wie viele davon in der gesamten Stadt zu jeder Tageszeit anzutreffen sind - Weimar strotzt nur so vor Teenagern. Es scheint wohl auf der Agenda sämtlicher Deutschlehrer:innen zu stehen, ihre Schülerinnen mindestens einmal hierher zu schleifen. Meine eigenen haben das ja früher auch gemacht, und ich zumindest bin ihnen dafür dankbar. Ich hatte ja schon erwähnt, eine der schönsten Erinnerungen usw. Und ich kann es ihnen nicht verdenken: Wenn ich Deutschlehrerin wäre (wozu es hoffentlich niemals kommen wird), würde ich auch direkt eine Exkursion hierher beantragen. Unwohl ist mir trotzdem auch noch nach all den Jahren zwischen so vielen Jugendlichen - manche Traumata brauchen eben lange, ha. Vor allem fühle ich mich aber wahrscheinlich einfach alt - auch wenn ich wirklich um keinen Preis der Welt wieder sechzehn sein möchte. Ein Teenager zu sein ist die meiste Zeit eine unangenehme Sache, soweit ich mich erinnere.
Wie auch immer, das Sich-alt-fühlen hält glücklicherweise nicht lange an, denn den Altersdurchschnitt der Stadtführung senke ich dann nämlich deutlich; im Leben ist eben alles relativ usw. Die Führung selbst ist ganz interessant, aber ehrlich gesagt keine allzu ausführliche Beschreibung wert. Sie erfüllt aber ihren Zweck und ich fühle mich anschließend halbwegs orientiert und informiert über den Ort, an dem ich mich da gerade befinde. Ich habe schon vor langer Zeit aufgegeben, mich gegen das unvermeidliche Touristinnen-Ansehen zu wehren und festgestellt, dass Stadtführungen einfach ziemlich nice sind. Keine Scheu, im Zweifel lernt man was dabei. ;)
Der einzige Satz, der sich aus der Führung bei mir festgesetzt hat und den ich daher auch hier teile, stammt von Goethe und charakterisiert ihn, wie ich finde, ziemlich gut. Wie er zu bewerten ist, entscheidet bitte jede:r selbst:
„Verlieb dich oft, verlob dich selten, heirate nie!“
Meine zweite Anlaufstelle des Tages ist Schillers Wohnhaus, welches in der es umgebenden Einkaufsstraße fast etwas fehl am Platz wirkt. Drinnen lerne ich dann, dass zu Schillers Lebzeiten hier alles noch ganz anders aussah - vor dem Haus befand sich eine Allee und aus den Fenstern ging der Blick in Nichts als ins Grüne. Städte machen es einem grundsätzlich schwer, sich einen anderen als den gegebenen Zustand glaubhaft vorzustellen. Dabei macht es Sinn - als Goethe 1775 zum ersten Mal nach Weimar kam, hatte die Stadt (wenn ich es mir richtig gemerkt habe) kaum mehr als 5000 Einwohner und die Infrastruktur war noch immer im Entstehen - das Straßenbild heute ist von dem, was Goethe und Schiller kannten, also wahrscheinlich weiter weg, als wir uns klar machen können. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob Orte überhaupt noch dieselben sind, nachdem sie sich so stark verändert und so viele menschliche Eingriffe überstanden haben - sehen wir heute dasselbe Weimar wie die Menschen im 18./19. Jahrhundert? Ich fürchte fast, nein. Oder zumindest nur noch Überreste davon.
Ich gehe in dem Bewusstsein ins Museum, dass ich es vor mehr als zehn Jahren schon einmal besucht haben muss. Erinnern kann ich mich leider kaum. Nur ein einziger Raum ruft eine sehr klare Erinnerung in mir hervor, weil sie mir auch beim letzten Mal schon einen unangenehmen Schauer über den Rücken gejagt hat: Schillers Arbeitszimmer oben in der Mansarde, in dem neben seinem Schreibtisch (mit original Tintenfass) auch sein Sterbebett steht - ebenfalls original. Und ich weiß nicht, was es ist - aber die beiden Möbelstücke nebeneinander sind in meinen Augen eine fast schon groteske Mischung. Der Gedanke, dass Schiller hier einerseits wie besessen Nächte durchschrieben hat und andererseits seinen letzten tuberkulosekranken Atemzug getan hat, ist … zu intim. Ich habe das Gefühl, nicht das Recht zu haben, dieses Bett zu besichtigen. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieses Zimmer eines der einzigen im Haus ist, in dem noch originale Möbel der Schillers stehen. Die meisten anderen sind nur in einem ähnlichen Stil rekonstruiert worden.
Dann habe ich mich noch ein weiteres Mal über die Tatsache entrüstet, dass Schiller, bevor er Charlotte von Lengefeld heiratete, nicht nur in sie, sondern auch deren ältere Schwester Caroline verliebt war und vermutlich mit beiden (gleichzeitig!) ein Verhältnis hatte. Und als wäre das nicht schlimm genug, wurde im Audioguide des Museums auch noch ein Brief an seine spätere Gattin zitiert, in dem er ihr derartige Unverschämtheiten schreibt, dass ich mich auch jetzt noch ein bisschen ärgere und mich frage, wie diese Charlotte ihn danach noch heiraten konnte. Ich kopiere das Zitat hier noch einmal rein, und ihr könnt selbst entscheiden, ob ich mit meinem Ärger recht habe …
"Caroline ist mir näher im Alter und darum auch gleicher in der Form unserer Gefühle und Gedanken. Sie hat mehr Empfindungen in mir zur Sprache gebracht als Du meine Lotte - aber ich wünschte nicht um alles, daß dieses anders wäre, daß Du anders wärest als Du bist. Was Caroline vor Dir voraus hat, mußt Du von mir empfangen; Deine Seele muß sich in meiner Liebe entfalten, und mein Geschöpf mußt du seyn." (Schiller an seine Frau Charlotte Schiller, geb. von Lengefeld)

Im Anschluss wollte ich mich für meine erste kulturell wertvolle Aktivität mit einem Eis belohnen, und habe dabei das größte Eis meines Lebens bekommen. Hätte ich gewusst, wie RIESIG diese Kugeln sind, hätte ich nicht zwei bestellt - und mich vielleicht auch etwas weniger über den stolzen Preis von 2,50€ gewundert. Es war aber wirklich extrem gutes Eis, und das sage ich als jemand, die schon sehr oft italienisches gelato gegessen hat. Falls ihr mal hier seid und es auch probieren wollt, setzt euch aber lieber ins Straßencafé, oder lasst euch zumindest einen Löffel mitgeben. Leider habe ich vor lauter Überforderung mit dem Eis-Ungetüm nicht einmal ein Foto von dieser Experience gemacht. Dafür habe ich aber ein Foto des Ladens, er heißt „Giancarlo“ und befindet sich in der Schillerstraße (obviously), siehe unten.
Nach einem kleinen Fotoshooting vor dem Deutschen Nationaltheater mit Goethe und Schiller persönlich lasse ich es mit Museen für heute gut sein und mache noch einen kleinen Spaziergang durch den Park an der Ilm. Hier hat auch die Stadtführung heute morgen schon an ein paar Stationen vorbeigeführt, u.a. an der Brücke, an der Goethe angeblich seine spätere Ehefrau Christiane Vulpius kennengelernt hat und eine Ruine mit einem sehr schönen Efeubewuchs mit dickem Stamm. Jetzt lasse ich mich einfach ein bisschen treiben und genieße die Abendsonne, die die Zeichen des anrückenden Herbstes in ein versöhnliches Licht taucht und wieder erfreulich warm ist (das ist eigentlich mein liebstes Wetter, wenn man es in Jeans und Strickjacke gut draußen aushalten kann). Zuerst versuche ich noch, mich von dem Parkguide der App „Weimar+“, die hier an allen Ecken beworben wird, führen zu lassen - aber ich gebe es dann auf, denn sie ist zwar grundsätzlich sehr interessant, aber einige der Audiodateien sind dann doch eher das, was die Jugendlichen, die so zahlreich durch Weimar wandern müssen, wahrscheinlich als "cringe" bezeichnen würden.
Auf meinem Spaziergang erhasche ich außerdem bereits einen ersten Blick auf den Garten von Goethes Gartenhaus, das sehr malerisch mitten im Park gelegen ist und das erste Wohndomizil des Dichters in Weimar war - aber den Besuch im Haus hebe ich mir für den morgigen Tag auf, für den ich mir alle Goethe-bezogenen Themen vorgenommen habe.
Am Abend überwinde ich dann meine Angst vor dem alleine Essengehen, bzw. überwiegt der Hunger letztlich die Angst. Ich weiß nicht, was es damit auf sich hat, aber ich glaube, viele Menschen können das nachvollziehen, oder? Alleine essen gehen ist irgendwie eine unangenehme Sache. Es macht mir nichts aus, allein zu verreisen und nicht mal, allein nachmittags in einem Café zu sitzen. Aber allein in ein Restaurant zu gehen ist eine meiner größten Herausforderungen. Auch diesmal tigere ich erst mehrere Runden durchs Stadtzentrum, ehe ich mich für ein Lokal entschieden habe, bei dem mir das Betreten machbar erscheint. Solche Restaurants müssen bestimmte Anforderungen erfüllen, und ob mir das Essensangebot gefällt, ist dann erstmal zweitrangig. Es ist eher die Lage, der allgemeine Vibe und das Publikum, die ungefähr stimmen müssen. Nicht zu überfüllt, aber auch nicht ganz leer muss es sein, damit ich mich hineintraue. Am besten draußen sitzen, an diesem Abend geht das dank des lauen Wetters zum Glück. Und dann ist es eigentlich gar nicht so schwer. Aber auch wenn ich es geschafft habe, stelle ich jedes Mal fest, dass alleine essen gehen einfach keinen Spaß macht - was aber auch wiederum eine schöne Erkenntnis ist.
Auf dem Nachhauseweg durch die Einkaufszeile komme ich nochmal an der Eisdiele von vorhin vorbei - und plötzlich flackert endlich doch noch eine Erinnerung auf. In diesem Moment, aus dieser Perspektive (ich weiß nicht, warum ausgerechnet jetzt, in der Dämmerung), kommt mir das Straßencafé in dem mit Blumenkästen geschmückten Gebäude plötzlich viel bekannter vor als im Tageslicht. Hier, das ist ein Bruchstück des Bildes, das ich die letzten zehn Jahre von Weimar im Kopf hatte. Verrückt. Nur wenige Stunden vorher hat es kein bisschen geklingelt beim Anblick dieser Straßenecke. Ob es wirklich das Café ist, in dem ich damals mit meinen beiden Schulfreundinnen saß, weiß ich immer noch nicht, aber es ist durchaus möglich; und mit diesem beglückenden, etwas nostalgischen Gefühl endet dieser schöne Weimar-Tag.
Der nächste und bereits letzte Weimar-Tag startet mit einem viel zu heißen Kaffee von Backfactory und soll ganz im Zeichen Goethes stehen - zuerst mache ich mich auf zum Frauenplan und betrete sein langjähriges Wohnhaus, in dem sich außerdem das nach ihm benannte Nationalmuseum befindet. Von außen sieht es ehrlich gesagt gar nicht mal so eindrucksvoll aus, wie es in den ganzen Broschüren und Audioguides angepriesen wird - ich meine, klar, es ist groß, aber abgesehen davon könnte es ehrlich gesagt mal wieder eine Renovierung vertragen. Wahrscheinlich aber kein leichtes Unterfangen dank Denkmalschutz usw.
Die Innenräume des Wohnhauses erinnern mich dann mal wieder an mein gespaltenes Verhältnis zu Goethe. Einerseits kann man nicht wirklich anders, als von ihm und seinem so vielschichtigen Schaffen, seinem Tatendrang und Selbstbewusstsein, vor allem aber natürlich von seinem literarischen Können beeindruckt zu sein. Andererseits verrät auch jedes einzelne dieser Zimmer einen latenten Großmut - hier wusste jemand sehr genau um seine Talente und war - für meinen Geschmack - etwas zu überzeugt von sich selbst. Ich frage mich oft bei Schriftsteller:innen oder anderen wichtigen Persönlichkeiten, ob ihnen zum Zeitpunkt ihres Wirkens wohl bewusst gewesen ist, was für eine Bedeutung sie später einmal haben würden, und ich denke, bei den meisten ist die Antwort: nein. Max Brod zum Beispiel hat sinngemäß einmal über Kafka gesagt, dass dieser, milde ausgedrückt, sehr erstaunt über das Aufhebens um ihn und sein Werk wäre, hätte er es denn noch erlebt. Von Goethe kann man das wohl eher nicht behaupten, und das merkt man irgendwie, wenn man durch sein Haus geht. Denke ich zumindest, ich meine, was weiß ich schon über einen Menschen, der vor 200 Jahren gelebt hat.
Der zweite Teil des Goethehauses neben seinen Wohnräumen ist dann eine Ausstellung mit dem Titel „Lebensfluten - Tatensturm“, der an ein Zitat aus dem Faust angelehnt ist. Und auch hier ist mir ein Teil von Goethes Persönlichkeit etwas in die Quere gekommen - und zwar, dass dieses Universalgenie einfach zu umfassend interessiert war. Meine Konzentrationsfähigkeit hat leider irgendwann auf Sendepause gestellt - was er alles gemacht und studiert hat, geht in ein normalsterbliches Gehirn nicht rein. In meines zumindest nicht. Interessant war es bestimmt trotzdem!
Deutlich besser gefällt mir dann Goethes Gartenhaus, das idyllisch im Park an der Ilm liegt. Der Rundgang durch die Wohnräume ist kurzweilig und trotzdem wieder gar
nicht das eigentlich Interessante - am Gartenhaus ist, wie der Name schon nahelegt, vor allem der Garten sehenswert. Allzu viele Worte möchte ich dazu gar nicht verlieren - über Gärten und ihre
Blumen sind schon viele wortreiche Gedichte geschrieben worden, aber an dieser Stelle lasse ich lieber (weiter unten) ein paar Bilder sprechen.
Den restlichen Tag bin ich weiter viel zu Fuß auf den Spuren unserer deutschen Galionsfigur unterwegs - unter anderem begutachte ich den auf Goethes Geheiß gepflanzten Ginkgo-Baum hinter dem
Fürstenhaus und beschließe, in einem der Blumenläden einen (vermeintlichen, aber das reicht mir) Ableger zu erstehen, um den Goethe-Ginkgo auch nach Kassel zu importieren.
Zuletzt statte ich dem Bauhaus-Museum einen Besuch ab, aber um dieses richtig zu würdigen, braucht es wohl in (hoffentlich naher) Zukunft einen weiteren Weimar-Besuch. Überhaupt sind die großen Literaten überhaupt nicht das einzige, das diese Stadt besuchenswert macht. Es gibt eine ganze Reihe an anderen Themen und Museen, mit denen man sich hier viel länger als zwei Tage beschäftigen kann und sollte. Aber das ist eine Geschichte für eine andere Gelegenheit.
Ich möchte meinen Bericht an dieser Stelle passend zu meinem Weimar-Programm mit einem bekannten Gedicht Goethes, das er wohl für seine Christiane verfasst hat, beschließen und sage schon jetzt: Weimar, ich werde dich mit Sicherheit auch ein drittes Mal besuchen! Auf bald!
Gefunden
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah’ ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Aeuglein schön.
Ich wollt’ es brechen,
Da sagt’ es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen seyn?
Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt’ es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
Café Röstbrüder am Herderplatz
Hier war ich sogar zweimal, denn die machen echt guten Kaffee, und das auch noch "with a view" auf die gegenüberliegende Kirche. Der Kuchen ist auch sehr zu empfehlen. "Schoko-Schwarzbier" klingt nicht unbedingt einladend, schmeckt aber himmmmmlisch ;) Und auch noch vegan ...
Und nur ein paar Häuser weiter findet man außerdem eine ...
Suppenbar
Ebenfalls am Herderplatz gibt es ein kleines aber leckeres Mittagessen. Mir hat es sehr gefallen dort. Auch für Introverts wie mich geeignet, hier habe ich mich überhaupt nicht komisch gefühlt dabei, allein etwas zu bestellen. Alle sehr nett! Recommend!
Kirms-Krackow-Haus
Dieses bürgerliche Haus, in dem sich zu Goethes Zeiten wohl regelmäßig Weimars kulturelle und intellektuelle Elite eingefunden hat, besitzt (Zitat aus der Broschüre) "einen der reizvollsten Stadtgärten Weimars" und heute in den Innenräumen außerdem ein Museum sowie ein Café. Beides hatte leider zu, als ich dort war, aber insbesondere das Café soll wohl ganz toll sein.
Den Garten kann man auch außerhalb der Öffnungszeiten besuchen, was sich auf jeden Fall lohnt und von wo aus ich auch dieses Foto gemacht habe.
App Weimar+
Wie schon erwähnt fand ich die App für die "Freiluftaktivitäten", etwa den Park an der Ilm, nicht allzu hilfreich. In den Museen kann ich sie aber empfehlen, denn hier haben sie denselben Text wie die Audioguides und ermöglichen es, eigene Kopfhörer zu verwenden statt mit einer umständlichen Fernbedienung hantieren zu müssen. Man kann sie sehr einfach im Appstore herunterladen. Es lebe die moderne Technik.
Hello again!
Diese Nachricht landet gerade wahrscheinlich im luftleeren virtuellen Raum, aber ich werde sie trotzdem verfassen:
Ich bin wieder da! Nach einer unglaublich langen Zeit ist mir eingefallen, dass Bloggen zwar ein bisschen von vorgestern ist, aber echt Spaß gemacht hat und es eigentlich gar keinen Grund gibt, nicht wieder damit anzufangen.
Mein Italienaufenthalt ist lange her, aber auch in unmittelbarer Nähe gibt es doch immer wieder Reisen, Gedanken und schöne Worte, die es sich zu schreiben und festzuhalten lohnt. Und genau das habe ich vor.
Ein kleines Gedicht findet sich schon in einem Blog-Regalbrett, und bald berichte ich in einer weiteren Ecke von einem Ausflug, den ich gemacht und von dem ich ein paar Empfehlungen mitgebracht habe. Wohin, verrate ich noch nicht. Nur so viel: Es wird klassisch!
Also, meine nicht vorhandene Leserschaft: Auf bald!