Hallo liebes Internet,
inzwischen ist Frühling, aber in meiner Notiz-App schlummert seit Monaten der Bericht über meinen kleinen Herbstausflug nach Weimar. Ganz getreu dem Motto "Besser spät als nie" kommt hier also Weimar aus meiner Sicht - enjoy!
Weimarer Klassik revisited
Der Herbst hat Einzug gehalten, aber mein Sommerurlaub hält noch eine weitere Woche an. Zeit genug, um endlich einen Plan in die Tat umzusetzen, den ich schon lange mit mir herumtrage: Weimar.
Weil ich gerne meine Tradition weiterführen möchte, die eigentlich noch gar keine ist, da ich sie erst ein einziges Mal begangen habe: gelegentlich kleine Solo-Trips zu unternehmen. Am besten an die Wohn- oder Inspirationsorte irgendwelcher großer Literat:innen, in Städte, die voller Worte und Geschichte stecken. Teil 1 hat vor zwei Jahren in Lübeck stattgefunden, wo ich auf den Spuren der Buddenbrooks gewandelt bin. Obwohl es nur ein kleines unscheinbares Wochenende war, ist es eine meiner liebsten Erinnerungen der letzten Jahre, vor allem, weil es eine meiner ersten Reisen war, die ich allein gemacht habe. Auch wenn es mittlerweile ein schon abgenutzter Ratschlag ist, kann ich ihn doch nur bekräftigen: Alleine verreisen macht wirklich viel mit einem. Selbstwirksamkeit verleiht ein derartiges Gefühl der Freiheit; ich kann es einfach nur empfehlen. Vor allem Dinge, für die man ein spezielles Interesse hat, das vielleicht nicht unbedingt jeder Mensch teilt, machen allein im Zweifel sogar mehr Spaß: In meinem Fall musste ich nämlich zum Beispiel niemandem erklären, warum ich gerne noch eine Stunde mehr im Buddenbrook-Haus herumhängen wollte, und niemand (außer ein paar Passantinnen) hat sich über meine Euphorie über das Straßenschild der Lübecker Mengstraße gewundert. Es sind Momente, die man sich selbst schenkt. Deshalb freue ich mich jetzt umso mehr, dass ich auch durch Weimar in meinem ganz eigenen, für die meisten Leute eher zu langsamen Tempo schlendern kann und so viel Zeit in Literaturmuseen totschlagen kann, wie ich will. Als Literaturwissenschaftlerin und -nerd gehört man außerdem wohl sowieso mindestens einmal im Leben hierher.
Das führt mich zum zweiten Grund, warum ich seit Ewigkeiten plane, endlich nach Weimar zu fahren: Ich war nämlich schon einmal hier. Wie lange das schon her ist, traue ich mich kaum laut auszusprechen. Gottseidank hat Schrift keine Lautstärke, obwohl zwölf Jahre auch aufgeschrieben gnadenlos nach Älterwerden klingen. Aber das ist ein anderes Thema.
Jedenfalls war ich noch zu Schul-, genauer gesagt: Abiturzeiten einmal hier. In welchem Zusammenhang, weiß ich gar nicht mehr genau; ich vermute, weil naheliegend: mit dem Deutsch-Leistungskurs. Diese Weimar-Exkursion wiederum ist eine meiner liebsten Erinnerungen aus der Schulzeit.
Mit Erinnerungen ist es eine merkwürdige Sache, insbesondere mit denen aus Kindheit und Jugend. Wenn ich zum Beispiel an diesen Schulausflug denke, habe ich sofort ein warmes Gefühl an irgendeiner schwer zu ortenden Stelle in mir drin, und das, obwohl ich viele Einzelheiten überhaupt nicht mehr vor dem inneren Auge aufrufen kann. So kann ich mich an die Museen nur sehr schemenhaft erinnern - ich weiß, dass mich die Anna-Amalia-Bibliothek sehr beeindruckt hat, aber Goethe- und Schillerhaus sind zwei Leerstellen in meinem Kopf. Es ist eher eine logische Schlussfolgerung, dass wir diese wohl besucht haben müssen, als eine handfeste Erinnerung. Was geblieben ist, ist der freie Nachmittag, den ich kichernd mit zwei Freundinnen verbracht habe. Wenn ich in den letzten Jahren an Weimar gedacht habe, hatte ich eine Fußgängerzone und ein bestimmtes Straßencafé vor Augen, das mir an diesem Tag wie die Kulisse eines fröhlich-sommerlichen Musicals vorkam. Kitschig, ich weiß, aber trotzdem wahr.
Als ich nach meiner Ankunft einen ersten abendlichen Spaziergang durch die Innenstadt mache, geht es mir aber so, wie es wohl schon vielen Menschen ergangen ist: Wenn man einen solchen Erinnerungsort Jahre später erneut betritt, ist nichts so, wie man es erwartet hat. Die Proportionen verrutschen irgendwie, die Wirklichkeit kann nicht mithalten und alles wirkt kleiner, weniger leuchtend - anders eben. Beim besten Willen kann ich das Café, in dem wir damals saßen, nicht wiedererkennen. Die Fußgängerzone wirkt vage vertraut, aber doch wie ein unbekannter Ort, den ich gerade zum ersten Mal betrete. Auch mit neuen Augen betrachtet ist Weimars Innenstadt aber sehr hübsch und auf jeden Fall immer wieder einen Besuch wert. Ganz so nostalgisch wie erwartet fühle ich mich nicht, beschließe aber, dass das eigentlich sogar etwas Gutes ist - jetzt kann ich die Stadt für die nächsten zwei Tage fast unvoreingenommen erkunden. Ist doch auch wieder irgendwie schön, wenn man älter und scheinbar langsam vergesslich wird!
Unterwegs auf der Schillerstraße
Den Weg von meiner Airbnb-Unterkunft ins Weimarer Zentrum finde ich an meinem ersten Morgen sogar schon ohne Google Maps, und so bin ich für Akademiker-Verhältnisse früh auf und nach einem kurzen Frühstück bereits an der Touri-Information am Marktplatz, wo ich eine „Weimar-Card“ erstehe, die mir für die nächsten 48 Stunden Eintritt in sämtliche Weimarer Museen und Nahverkehrsmittel gewähren soll. Das gute Stück kostet 32 Euro, was sich aber bestimmt rechnen wird bei meinem geplanten Programm. Außerdem ist die unumgängliche Stadtführung, an der ich um 10 Uhr teilnehmen möchte, ebenfalls inbegriffen - was ein Schnapper.
Die restliche halbe Stunde bis zu Beginn der Führung umwandere ich ein wenig planlos die sehr szenische Kulisse des Marktplatzes und umschiffe dabei möglichst die vielen Schulgruppen, die gelangweilt in Grüppchen umherstehen und augenscheinlich ebenfalls auf den Beginn ihrer Tagesaktivitäten warten. Es ist wirklich auffallend, wie viele davon in der gesamten Stadt zu jeder Tageszeit anzutreffen sind - Weimar strotzt nur so vor Teenagern. Es scheint wohl auf der Agenda sämtlicher Deutschlehrer:innen zu stehen, ihre Schülerinnen mindestens einmal hierher zu schleifen. Meine eigenen haben das ja früher auch gemacht, und ich zumindest bin ihnen dafür dankbar. Ich hatte ja schon erwähnt, eine der schönsten Erinnerungen usw. Und ich kann es ihnen nicht verdenken: Wenn ich Deutschlehrerin wäre (wozu es hoffentlich niemals kommen wird), würde ich auch direkt eine Exkursion hierher beantragen. Unwohl ist mir trotzdem auch noch nach all den Jahren zwischen so vielen Jugendlichen - manche Traumata brauchen eben lange, ha. Vor allem fühle ich mich aber wahrscheinlich einfach alt - auch wenn ich wirklich um keinen Preis der Welt wieder sechzehn sein möchte. Ein Teenager zu sein ist die meiste Zeit eine unangenehme Sache, soweit ich mich erinnere.
Wie auch immer, das Sich-alt-fühlen hält glücklicherweise nicht lange an, denn den Altersdurchschnitt der Stadtführung senke ich dann nämlich deutlich; im Leben ist eben alles relativ usw. Die Führung selbst ist ganz interessant, aber ehrlich gesagt keine allzu ausführliche Beschreibung wert. Sie erfüllt aber ihren Zweck und ich fühle mich anschließend halbwegs orientiert und informiert über den Ort, an dem ich mich da gerade befinde. Ich habe schon vor langer Zeit aufgegeben, mich gegen das unvermeidliche Touristinnen-Ansehen zu wehren und festgestellt, dass Stadtführungen einfach ziemlich nice sind. Keine Scheu, im Zweifel lernt man was dabei. ;)
Der einzige Satz, der sich aus der Führung bei mir festgesetzt hat und den ich daher auch hier teile, stammt von Goethe und charakterisiert ihn, wie ich finde, ziemlich gut. Wie er zu bewerten ist, entscheidet bitte jede:r selbst:
„Verlieb dich oft, verlob dich selten, heirate nie!“
Meine zweite Anlaufstelle des Tages ist Schillers Wohnhaus, welches in der es umgebenden Einkaufsstraße fast etwas fehl am Platz wirkt. Drinnen lerne ich dann, dass zu Schillers Lebzeiten hier alles noch ganz anders aussah - vor dem Haus befand sich eine Allee und aus den Fenstern ging der Blick in Nichts als ins Grüne. Städte machen es einem grundsätzlich schwer, sich einen anderen als den gegebenen Zustand glaubhaft vorzustellen. Dabei macht es Sinn - als Goethe 1775 zum ersten Mal nach Weimar kam, hatte die Stadt (wenn ich es mir richtig gemerkt habe) kaum mehr als 5000 Einwohner und die Infrastruktur war noch immer im Entstehen - das Straßenbild heute ist von dem, was Goethe und Schiller kannten, also wahrscheinlich weiter weg, als wir uns klar machen können. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob Orte überhaupt noch dieselben sind, nachdem sie sich so stark verändert und so viele menschliche Eingriffe überstanden haben - sehen wir heute dasselbe Weimar wie die Menschen im 18./19. Jahrhundert? Ich fürchte fast, nein. Oder zumindest nur noch Überreste davon.
Ich gehe in dem Bewusstsein ins Museum, dass ich es vor mehr als zehn Jahren schon einmal besucht haben muss. Erinnern kann ich mich leider kaum. Nur ein einziger Raum ruft eine sehr klare Erinnerung in mir hervor, weil sie mir auch beim letzten Mal schon einen unangenehmen Schauer über den Rücken gejagt hat: Schillers Arbeitszimmer oben in der Mansarde, in dem neben seinem Schreibtisch (mit original Tintenfass) auch sein Sterbebett steht - ebenfalls original. Und ich weiß nicht, was es ist - aber die beiden Möbelstücke nebeneinander sind in meinen Augen eine fast schon groteske Mischung. Der Gedanke, dass Schiller hier einerseits wie besessen Nächte durchschrieben hat und andererseits seinen letzten tuberkulosekranken Atemzug getan hat, ist … zu intim. Ich habe das Gefühl, nicht das Recht zu haben, dieses Bett zu besichtigen. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieses Zimmer eines der einzigen im Haus ist, in dem noch originale Möbel der Schillers stehen. Die meisten anderen sind nur in einem ähnlichen Stil rekonstruiert worden.
Dann habe ich mich noch ein weiteres Mal über die Tatsache entrüstet, dass Schiller, bevor er Charlotte von Lengefeld heiratete, nicht nur in sie, sondern auch deren ältere Schwester Caroline verliebt war und vermutlich mit beiden (gleichzeitig!) ein Verhältnis hatte. Und als wäre das nicht schlimm genug, wurde im Audioguide des Museums auch noch ein Brief an seine spätere Gattin zitiert, in dem er ihr derartige Unverschämtheiten schreibt, dass ich mich auch jetzt noch ein bisschen ärgere und mich frage, wie diese Charlotte ihn danach noch heiraten konnte. Ich kopiere das Zitat hier noch einmal rein, und ihr könnt selbst entscheiden, ob ich mit meinem Ärger recht habe …
"Caroline ist mir näher im Alter und darum auch gleicher in der Form unserer Gefühle und Gedanken. Sie hat mehr Empfindungen in mir zur Sprache gebracht als Du meine Lotte - aber ich wünschte nicht um alles, daß dieses anders wäre, daß Du anders wärest als Du bist. Was Caroline vor Dir voraus hat, mußt Du von mir empfangen; Deine Seele muß sich in meiner Liebe entfalten, und mein Geschöpf mußt du seyn." (Schiller an seine Frau Charlotte Schiller, geb. von Lengefeld)

Im Anschluss wollte ich mich für meine erste kulturell wertvolle Aktivität mit einem Eis belohnen, und habe dabei das größte Eis meines Lebens bekommen. Hätte ich gewusst, wie RIESIG diese Kugeln sind, hätte ich nicht zwei bestellt - und mich vielleicht auch etwas weniger über den stolzen Preis von 2,50€ gewundert. Es war aber wirklich extrem gutes Eis, und das sage ich als jemand, die schon sehr oft italienisches gelato gegessen hat. Falls ihr mal hier seid und es auch probieren wollt, setzt euch aber lieber ins Straßencafé, oder lasst euch zumindest einen Löffel mitgeben. Leider habe ich vor lauter Überforderung mit dem Eis-Ungetüm nicht einmal ein Foto von dieser Experience gemacht. Dafür habe ich aber ein Foto des Ladens, er heißt „Giancarlo“ und befindet sich in der Schillerstraße (obviously), siehe unten.
Nach einem kleinen Fotoshooting vor dem Deutschen Nationaltheater mit Goethe und Schiller persönlich lasse ich es mit Museen für heute gut sein und mache noch einen kleinen Spaziergang durch den Park an der Ilm. Hier hat auch die Stadtführung heute morgen schon an ein paar Stationen vorbeigeführt, u.a. an der Brücke, an der Goethe angeblich seine spätere Ehefrau Christiane Vulpius kennengelernt hat und eine Ruine mit einem sehr schönen Efeubewuchs mit dickem Stamm. Jetzt lasse ich mich einfach ein bisschen treiben und genieße die Abendsonne, die die Zeichen des anrückenden Herbstes in ein versöhnliches Licht taucht und wieder erfreulich warm ist (das ist eigentlich mein liebstes Wetter, wenn man es in Jeans und Strickjacke gut draußen aushalten kann). Zuerst versuche ich noch, mich von dem Parkguide der App „Weimar+“, die hier an allen Ecken beworben wird, führen zu lassen - aber ich gebe es dann auf, denn sie ist zwar grundsätzlich sehr interessant, aber einige der Audiodateien sind dann doch eher das, was die Jugendlichen, die so zahlreich durch Weimar wandern müssen, wahrscheinlich als "cringe" bezeichnen würden.
Auf meinem Spaziergang erhasche ich außerdem bereits einen ersten Blick auf den Garten von Goethes Gartenhaus, das sehr malerisch mitten im Park gelegen ist und das erste Wohndomizil des Dichters in Weimar war - aber den Besuch im Haus hebe ich mir für den morgigen Tag auf, für den ich mir alle Goethe-bezogenen Themen vorgenommen habe.
Am Abend überwinde ich dann meine Angst vor dem alleine Essengehen, bzw. überwiegt der Hunger letztlich die Angst. Ich weiß nicht, was es damit auf sich hat, aber ich glaube, viele Menschen können das nachvollziehen, oder? Alleine essen gehen ist irgendwie eine unangenehme Sache. Es macht mir nichts aus, allein zu verreisen und nicht mal, allein nachmittags in einem Café zu sitzen. Aber allein in ein Restaurant zu gehen ist eine meiner größten Herausforderungen. Auch diesmal tigere ich erst mehrere Runden durchs Stadtzentrum, ehe ich mich für ein Lokal entschieden habe, bei dem mir das Betreten machbar erscheint. Solche Restaurants müssen bestimmte Anforderungen erfüllen, und ob mir das Essensangebot gefällt, ist dann erstmal zweitrangig. Es ist eher die Lage, der allgemeine Vibe und das Publikum, die ungefähr stimmen müssen. Nicht zu überfüllt, aber auch nicht ganz leer muss es sein, damit ich mich hineintraue. Am besten draußen sitzen, an diesem Abend geht das dank des lauen Wetters zum Glück. Und dann ist es eigentlich gar nicht so schwer. Aber auch wenn ich es geschafft habe, stelle ich jedes Mal fest, dass alleine essen gehen einfach keinen Spaß macht - was aber auch wiederum eine schöne Erkenntnis ist.
Auf dem Nachhauseweg durch die Einkaufszeile komme ich nochmal an der Eisdiele von vorhin vorbei - und plötzlich flackert endlich doch noch eine Erinnerung auf. In diesem Moment, aus dieser Perspektive (ich weiß nicht, warum ausgerechnet jetzt, in der Dämmerung), kommt mir das Straßencafé in dem mit Blumenkästen geschmückten Gebäude plötzlich viel bekannter vor als im Tageslicht. Hier, das ist ein Bruchstück des Bildes, das ich die letzten zehn Jahre von Weimar im Kopf hatte. Verrückt. Nur wenige Stunden vorher hat es kein bisschen geklingelt beim Anblick dieser Straßenecke. Ob es wirklich das Café ist, in dem ich damals mit meinen beiden Schulfreundinnen saß, weiß ich immer noch nicht, aber es ist durchaus möglich; und mit diesem beglückenden, etwas nostalgischen Gefühl endet dieser schöne Weimar-Tag.
Auf den Spuren Goethes
Der nächste und bereits letzte Weimar-Tag startet mit einem viel zu heißen Kaffee von Backfactory und soll ganz im Zeichen Goethes stehen - zuerst mache ich mich auf zum Frauenplan und betrete sein langjähriges Wohnhaus, in dem sich außerdem das nach ihm benannte Nationalmuseum befindet. Von außen sieht es ehrlich gesagt gar nicht mal so eindrucksvoll aus, wie es in den ganzen Broschüren und Audioguides angepriesen wird - ich meine, klar, es ist groß, aber abgesehen davon könnte es ehrlich gesagt mal wieder eine Renovierung vertragen. Wahrscheinlich aber kein leichtes Unterfangen dank Denkmalschutz usw.
Die Innenräume des Wohnhauses erinnern mich dann mal wieder an mein gespaltenes Verhältnis zu Goethe. Einerseits kann man nicht wirklich anders, als von ihm und seinem so vielschichtigen Schaffen, seinem Tatendrang und Selbstbewusstsein, vor allem aber natürlich von seinem literarischen Können beeindruckt zu sein. Andererseits verrät auch jedes einzelne dieser Zimmer einen latenten Großmut - hier wusste jemand sehr genau um seine Talente und war - für meinen Geschmack - etwas zu überzeugt von sich selbst. Ich frage mich oft bei Schriftsteller:innen oder anderen wichtigen Persönlichkeiten, ob ihnen zum Zeitpunkt ihres Wirkens wohl bewusst gewesen ist, was für eine Bedeutung sie später einmal haben würden, und ich denke, bei den meisten ist die Antwort: nein. Max Brod zum Beispiel hat sinngemäß einmal über Kafka gesagt, dass dieser, milde ausgedrückt, sehr erstaunt über das Aufhebens um ihn und sein Werk wäre, hätte er es denn noch erlebt. Von Goethe kann man das wohl eher nicht behaupten, und das merkt man irgendwie, wenn man durch sein Haus geht. Denke ich zumindest, ich meine, was weiß ich schon über einen Menschen, der vor 200 Jahren gelebt hat.
Der zweite Teil des Goethehauses neben seinen Wohnräumen ist dann eine Ausstellung mit dem Titel „Lebensfluten - Tatensturm“, der an ein Zitat aus dem Faust angelehnt ist. Und auch hier ist mir ein Teil von Goethes Persönlichkeit etwas in die Quere gekommen - und zwar, dass dieses Universalgenie einfach zu umfassend interessiert war. Meine Konzentrationsfähigkeit hat leider irgendwann auf Sendepause gestellt - was er alles gemacht und studiert hat, geht in ein normalsterbliches Gehirn nicht rein. In meines zumindest nicht. Interessant war es bestimmt trotzdem!
Deutlich besser gefällt mir dann Goethes Gartenhaus, das idyllisch im Park an der Ilm liegt. Der Rundgang durch die Wohnräume ist kurzweilig und trotzdem wieder gar
nicht das eigentlich Interessante - am Gartenhaus ist, wie der Name schon nahelegt, vor allem der Garten sehenswert. Allzu viele Worte möchte ich dazu gar nicht verlieren - über Gärten und ihre
Blumen sind schon viele wortreiche Gedichte geschrieben worden, aber an dieser Stelle lasse ich lieber (weiter unten) ein paar Bilder sprechen.
Den restlichen Tag bin ich weiter viel zu Fuß auf den Spuren unserer deutschen Galionsfigur unterwegs - unter anderem begutachte ich den auf Goethes Geheiß gepflanzten Ginkgo-Baum hinter dem
Fürstenhaus und beschließe, in einem der Blumenläden einen (vermeintlichen, aber das reicht mir) Ableger zu erstehen, um den Goethe-Ginkgo auch nach Kassel zu importieren.
Zuletzt statte ich dem Bauhaus-Museum einen Besuch ab, aber um dieses richtig zu würdigen, braucht es wohl in (hoffentlich naher) Zukunft einen weiteren Weimar-Besuch. Überhaupt sind die großen Literaten überhaupt nicht das einzige, das diese Stadt besuchenswert macht. Es gibt eine ganze Reihe an anderen Themen und Museen, mit denen man sich hier viel länger als zwei Tage beschäftigen kann und sollte. Aber das ist eine Geschichte für eine andere Gelegenheit.
Ich möchte meinen Bericht an dieser Stelle passend zu meinem Weimar-Programm mit einem bekannten Gedicht Goethes, das er wohl für seine Christiane verfasst hat, beschließen und sage schon jetzt: Weimar, ich werde dich mit Sicherheit auch ein drittes Mal besuchen! Auf bald!
Gefunden
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah’ ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Aeuglein schön.
Ich wollt’ es brechen,
Da sagt’ es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen seyn?
Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt’ es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
Goethes Gartenhaus
Ein paar Empfehlungen ...
Café Röstbrüder am Herderplatz
Hier war ich sogar zweimal, denn die machen echt guten Kaffee, und das auch noch "with a view" auf die gegenüberliegende Kirche. Der Kuchen ist auch sehr zu empfehlen. "Schoko-Schwarzbier" klingt nicht unbedingt einladend, schmeckt aber himmmmmlisch ;) Und auch noch vegan ...
Und nur ein paar Häuser weiter findet man außerdem eine ...
Suppenbar
Ebenfalls am Herderplatz gibt es ein kleines aber leckeres Mittagessen. Mir hat es sehr gefallen dort. Auch für Introverts wie mich geeignet, hier habe ich mich überhaupt nicht komisch gefühlt dabei, allein etwas zu bestellen. Alle sehr nett! Recommend!
Kirms-Krackow-Haus
Dieses bürgerliche Haus, in dem sich zu Goethes Zeiten wohl regelmäßig Weimars kulturelle und intellektuelle Elite eingefunden hat, besitzt (Zitat aus der Broschüre) "einen der reizvollsten Stadtgärten Weimars" und heute in den Innenräumen außerdem ein Museum sowie ein Café. Beides hatte leider zu, als ich dort war, aber insbesondere das Café soll wohl ganz toll sein.
Den Garten kann man auch außerhalb der Öffnungszeiten besuchen, was sich auf jeden Fall lohnt und von wo aus ich auch dieses Foto gemacht habe.
App Weimar+
Wie schon erwähnt fand ich die App für die "Freiluftaktivitäten", etwa den Park an der Ilm, nicht allzu hilfreich. In den Museen kann ich sie aber empfehlen, denn hier haben sie denselben Text wie die Audioguides und ermöglichen es, eigene Kopfhörer zu verwenden statt mit einer umständlichen Fernbedienung hantieren zu müssen. Man kann sie sehr einfach im Appstore herunterladen. Es lebe die moderne Technik.









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