Schon wieder auf den Spuren Goethes?!
Einen wunderschönen guten Tag, Freund:innen der Reisen und der Literatur!
Ihr habt richtig gelesen - ich war im Harz. Also folgt mir gedanklich in die verregneten Wälder und Städtchen des höchsten Gebirges Norddeutschlands ...
Ankunft in einer anderen Zeit
Wie jeder große Literat bzw. große Literatin und solche, die es werden wollen, habe auch ich mich dieses Jahr zu einer Harzreise aufgemacht. Denn was gibt es Poetischeres, als durch verwunschene (vielleicht sogar verhexte) Wälder und langsam aber sicher vergessene Land- und Ortschaften zu streifen? Sicher einiges, aber so eine Harzreise soll schon so Manchen die ein oder andere Inspiration verschafft haben. Abgesehen von alledem habe ich aber noch ein anderes Motiv, diese Reise zu unternehmen, denn meine Großmutter sowie ihre Vorfahren stammen hierher, und in unserer Familie wird so viel von diesen Orten erzählt, dass man irgendwann vielleicht gar nicht anders kann, als einmal selbst herzukommen und sie mit eigenen Augen zu sehen.
In strömendem Regen begehen mein Vater und ich also an einem Montagmorgen die etwa einstündige Autofahrt in die - übrigens sehr malerische - Harzlandschaft vor und um Katlenburg. Wer von diesem Städtchen noch nie gehört hat - keine Sorge, völlig normal. Für uns hat es jedoch eine besondere Bedeutung, denn mein Ururgroßvater hat hier gelebt und letztlich dafür gesorgt, dass unsere Familie einmal existieren und sich Geschichten über Katlenburg erzählen würde.
Interessanterweise war ich vor Jahren schon einmal hier, eher durch Zufall und ohne zu wissen, dass ich eine Verbindung zu diesem Ort habe. Von Göttingen aus habe ich mit einer Freundin einen spontanen Trip „irgendwo in den Harz“ unternehmen wollen. Mit dieser Idee sind wir damals ins Auto gestiegen, und letztlich dann nicht besonders weit gekommen, sondern eben nur bis nach Katlenburg. Und das war im Rückblick betrachtet krass. Denn als wir kurz hinter dem Ortseingang links abgebogen, dem Schild Richtung „Burg Katlenburg“ gefolgt und dann den recht steilen Berg hinaufgelaufen sind, hatte ich eines der wenigen Male in meinem Leben ein richtig starkes Déjàvu-Gefühl. Ich hatte keine Ahnung, warum, aber als wir um die Ecke gebogen sind und das Burgareal (übrigens durchaus sehenswert!) in Sichtweite kam, war in mir drin das ganz sichere Gefühl, dass dieser Platz etwas mit mir zu tun hat, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, was es war. Erst später hat meine Mutter bei meiner Erzählung den Namen erkannt, und ich habe verstanden, wo ich da „durch Zufall“ gewesen bin.
Diesmal bleibt das Gefühl direkt hinter dem Ortsschild jedoch aus. Weder mein Vater und ich erkennen die Abzweigung und kurven erst dreimal durch die Ortschaft, bevor wir den richtigen Weg finden. Als wir oben sind, ist das Areal immer noch genauso schön, aber das merkwürdige Bauchkribbeln, mit dem ich auch diesmal fest gerechnet hatte, fehlt. Ich frage mich immer wieder, was es ist, das Erinnerungen an Orte so sehr verzerrt, dass die Realität irgendwann nicht mehr mithalten kann.
Aber naja, hier erstmal ein paar Informationen zur Burg Katlenburg (bzw. Catelnborg, wie sie ganz zu Anfang hieß): Sie hat im Lauf der Jahrhunderte so einiges erlebt, wurde von einer Grenzburg zum Kloster, brannte mindestens zweimal ab und wurde im 19. Jahrhundert schließlich zu einer Domäne, also einem landwirtschaftlichen Betrieb. Und hier kommt besagter Ururgroßvater ins Spiel. Der betrieb nämlich unten im Dorf, am Fuß des Berges, eine Art (so ganz genau weiß es niemand) Kolonialwarenladen. Ich stelle ihn mir immer wie den Gemischtwarenladen von Mr. Hobbes in New York (aus dem Film „Der kleine Lord“) vor, voller Fässer mit Lebensmitteln und Papiertüten, aber das ist wahrscheinlich ziemlich weit von der Realität entfernt. Dieser Laden von Ururgroßvater Emil jedenfalls belieferte die Domäne mit Kolonialwaren, und wurde vermutlich auch selbst wiederum von der Domäne mit landwirtschaftlichen Produkten beliefert. So in der Art. An besagtem Haus waren wir (nach längerem Suchen) ebenfalls. Es ist noch bewohnt, aber der Laden steht leer. Wer weiß, vielleicht wohnen ja nach wie vor andere Nachfahr:innen von ihm darin - ich habe mich nicht getraut, zu klingeln und nachzufragen. Möglich ist es aber, denn Emil hatte ziemlich viele Kinder von insgesamt drei Ehefrauen. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er deren Schwester, und als auch diese das Zeitliche segnete dann die zwanzigjährige Haushälterin. Von dieser Haushälterin, von der ich zu gern mehr wüsste, stammen wir ab.
Nach einem Kaffee in Katlenburg geht die Fahrt weiter. Leider bestätigen die Orte, durch die wir kommen, weitgehend das Klischee des Harzes: Das Leben hier scheint woanders stattzufinden. Wir fahren vorbei an unscheinbaren Häusern mit grau verkleideten Fassaden, die wie Geister am Straßenrand kauern und an Bergen, die zwischen Nebelwänden aufragen und dann wieder verschwinden. Noch hält die Regenpause an, aber das Wetter ist trotzdem ungemütlich grau - der Herbst ist da und malt gelbe Punkte auf eine graue Leinwand.
Unser Zielort ist das sagenumwobene Teichhütte - das Dorf, in dem meine Großmutter aufgewachsen ist. Als ich vor dem Ortsschild stehe, wird mir zum ersten Mal bewusst, dass dieser Ort tatsächlich existiert und nicht nur Teil einer Familienlegende ist. Direkt hinter besagter Ortstafel steht noch heute die Tankstelle, die damals, vor guten 100 Jahren mein Urgroßvater betrieben hat und in deren Hinterzimmer ein großer Teil der Kindheit meiner Oma stattgefunden hat. Dem Haus würde man vermutlich, hätte man keinen Bezug dazu, keinen zweiten Blick widmen, aber mein Vater und ich verbringen eine ganze Weile dort, und insbesondere der Bach hinterm Haus, von dem Oma selbst mir so oft erzählt hat, hat es mir angetan.
Irgendwann beginnt es zu nieseln. Im Regen besichtigen wir noch den Bahnhof Gittelde/Bad Grund, von dem aus meine Großmutter immer den Zug zur Schule genommen hat. Es ist eine Sightseeingtour der etwas anderen Art, die wir da machen. Es gibt eigentlich nichts zu sehen, und doch alles.
Ansonsten ist Teichhütte ein eigenartiger Ort. Ich würde es, ehrlich gesagt, kaum als Dorf bezeichnen; eher als eine ziemlich wahllos wirkende Ansammlung an Häusern, die nur in losem Zusammenhang miteinander zu stehen scheinen. In der Mitte steht ein Edeka-Einkaufszentrum, das den Ort weitgehend beherrscht. Die Tankstelle meiner Urgroßeltern steht am äußersten Ortsrand, wie gesagt, direkt am Ortsschild, und in gewisser Weise passt das zu dem, was ich von der Lebensweise der beiden weiß. Trotzdem hat der Ort eine nicht zu leugnende Wirkung auf mich. Vielleicht liegt es einfach daran, dass mir schon so oft von ihm erzählt wurde und sich so viele Geschichten um ihn ranken. Vielleicht ist es eine besondere Aura, weil dieses Haus so eine Art Pilgerort unserer Familie ist, den gefühlt jede/r schon mal besichtigt hat (ich frage mich, ob die aktuellen Hausbewohner sich wundern, dass alle paar Jahre fremde Leute sich vor ihrer Haustür herumdrücken und ein so ungewöhnliches Interesse für dieses ganz und gar gewöhnliche Haus zeigen). Vielleicht ist es aber auch tatsächlich meine Oma, die bei uns ist und sich freut, dass wir ihren Geburtsort besuchen - wer weiß.
Auf den Bildern unten sieht man die Domäne Katlenburg sowie die "berühmte" Teichhütter Tankstelle.
Im Fachwerk-Labyrinth
Die Nacht und den nächsten Tag verbringen wir in Goslar. Schon beim ersten kurzen abendlichen Rundgang in Nässe und Dämmerlicht bin ich überrascht, wie schön und, ich denke, man kann sagen: wie herrschaftlich dieses Städtchen daherkommt. Ich hatte ein verschlafenes, eher heruntergekommenes Nest erwartet, aber tatsächlich wartet eine richtig schöne Altstadt mit einem ziemlich beeindruckenden Marktplatz auf uns. Heinrich Heine ging es auf seiner Harzreise 1824 anscheinend genau umgekehrt (vielleicht kam daher auch mein Vorurteil?), denn er schreibt:
„Der Name Goslar klingt so erfreulich, und es knüpfen sich daran so viele uralte Kaisererinnerungen, daß ich eine imposante, stattliche Stadt erwartete. Aber so geht es, wenn man die Berühmten in der Nähe besieht! Ich fand ein Nest mit meistens schmalen, labyrinthisch krummen Straßen.“
Aber ich mag schmale, labyrinthische Straßen auch gerne, von daher handelt es sich vielleicht auch einfach um eine Geschmacksfrage. Das Straßenbild ist von sehr viel reich verziertem Fachwerk, und abgesehen davon von Häusern mit Schieferverkleidung geprägt. Fachwerk-Fans sind hier auf jeden Fall gut aufgehoben, denn an fast jedem Haus gibt es aufwendige Schnitzereien, bunte Ornamente und fast immer auch einen frommen Spruch über der Haustür, der einen daran erinnert, immer schön brav zu beten und um Gottes Beistand zu bitten.
Neben der Altstadt ist das Bergwerk Rammelsberg für den Status Goslars als Weltkulturerbe verantwortlich. Über 1000 Jahre wurde hier Bergbau betrieben - schon beeindruckend. Heute erfüllt das Bergwerk nur noch touristische Zwecke. Ansonsten ist noch die Kaiserpfalz zu erwähnen, über die ich allerdings nicht mehr sagen kann, als dass sie von außen schön anzusehen ist. An dem Tag fühle ich mich eher als Kulturbanausin und entscheide mich gegen einen Museumsbesuch.
Stattdessen machen wir am Morgen eine ziemlich lange und ziemlich architekturlastige Stadtführung, und im Anschluss mache ich das, was ich auf Städtetrips eigentlich am liebsten mache: mich treiben lassen.
Am späten Nachmittag geht es dann nochmal auf Spurensuche. Im zweiten Weltkrieg waren in Goslar viele Lazarette eingerichtet, und in einem davon haben sich meine Großeltern kennengelernt - er als verwundeter Soldat, sie als Krankenschwester. The rest is history. Vorher und auch hinterher war besagtes Lazarett ein Altenheim; heute steht es leer. Trotzdem war es schön, zu dem Fenster hochzuschauen, indem wohl mein Großvater damals lag und zum ersten Mal meine damals noch ganz junge Großmutter sah. Eine schöne Vorstellung, und trotzdem auch eigenartig der Gedanke, dass es ohne diesen schrecklichen Krieg und seine Folgen meine Familie heute wahrscheinlich gar nicht geben würde. Obwohl, wer weiß, vielleicht hätte das Schicksal auch einen anderen Weg gefunden …
Auf dem Brocken - im Geisterwald
An unserem dritten und vorletzten Tag setzen wir einen Plan in die Tat um, den ich schon länger hege - auf den Brocken wandern. Das Wetter ist leider anhaltend schlecht, und je näher wir unserem im Navi eingegebenen Ziel kommen, umso dichter wird der Nebel. Aber nun sind wir schon unterwegs, und so biegen wir schließlich auf den Wanderparkplatz in Torfhaus (was ein Ort, kein Haus ist) ein. Im Wanderzentrum wird uns nochmals abgeraten, die Tour heute zu machen - „da haben Sie nichts davon“ - und alternativ ein Rundweg rund um das sogenannte Torfhausmoor vorgeschlagen. Als wir wieder draußen stehen und ich versuche, nicht zu enttäuscht zu sein, ist mein Vater aber plötzlich sehr entschieden und sagt: „Los, wir machen es trotzdem. Umkehren können wir immer noch.“ Und ich nehme es direkt vorweg: Wir sind nicht umgekehrt. Wir waren oben, und auch wenn der Brocken uns sein Gesicht nicht zeigen wollte und wir fast durchgehend durch Sprühregen gegangen sind, bin ich froh, dass wir uns nicht haben abhalten lassen. Im Grunde war diese Wanderung eine ziemlich gute Metapher für das Leben und für das, was mir oft noch schwer fällt: Die Dinge trotzdem machen, auch wenn die Umstände unangenehm sind oder dagegen zu sprechen scheinen.
Hier einmal die Aussicht, mit der wir oben angekommen belohnt wurden:
Lange aufgehalten haben wir uns nicht dort oben, denn wie man sieht, sah man nicht gerade viel, und die Gaststätte dort oben war auch nicht sehr einladend bzw. rettungslos überlaufen. Tatsächlich war also der Weg schöner als das Ziel, denn der Nebel und die bunten Blätter haben die Welt um uns herum in einen herbstlichen Zauberwald verwandelt.
Was sehr auffällt dort, sind die unzähligen abgestorbenen Bäume, die im Wald am Brocken stehen. Anfangs haben sie mich traurig gemacht - als ginge man einmal mehr durch eine sterbende Landschaft, keinen Zauber-, sondern einen Geisterwald. Tatsächlich ist es aber, wie ich später gelernt habe, so, dass die Bäume absichtlich stehengelassen und komplett sich selbst überlassen werden, damit sich die Natur erholen und wieder ein nachhaltiger und gesunder Wald entstehen kann. Totholz, so kann man auf den Infotafeln dort lesen, ist nämlich ein wichtiger Lebensraum für viele Tierarten und kann als Grundlage für neues Leben dienen. Um also noch eine letzte kluge Lebensweisheit aus dieser Wanderung abzuleiten: Manchmal muss man etwas zu Ende gehen lassen, damit Neues entstehen kann, und nicht alles, was traurig aussieht, ist es in Wirklichkeit auch.
Trotzdem würde ich den Brocken das nächste Mal auch gerne sehen, wenn ich dort bin. ;)
Häuser und Seelen in Osterode
An unserem letzten Tag geht es dann noch nach Osterode - die Neugier ist groß, denn Heine schreibt über diese Stadt sehr vielsagend und inspirierend:
„Diese Stadt hat so und so viel Häuser, verschiedene Einwohner, worunter auch mehrere Seelen.“
Heute stehen leider sehr viele der so und so vielen Häuser leer, und ich würde vermuten, auch die Einwohnerzahl ist tendenziell sinkend. Während Goslar trotz seines historischen Flairs super gepflegt wirkt, blättert in Osterode die Farbe von den Fachwerkbalken. Das Gefühl, durch eine im Abbruch begriffene Welt zu spazieren, ist auch hier nicht zu ignorieren.
Der Befund, dass sich auch „mehrere Seelen“ in dieser Stadt finden, kann ich aber voll und ganz bestätigen. Vielleicht fällt es mir besonders auf, weil ich aus dem, sagen wir mal vorsichtig, etwas zugeknöpften Nordhessen komme, aber die Menschen in Osterode sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Gleich zweimal werden wir angesprochen, ob wir etwas suchen und ob man uns weiterhelfen könne. Da wir nur auf der Suche nach Spuren aus der Vergangenheit und ein paar Familiengeistern sind, können uns auch Ortskundige natürlich nicht helfen - aber nett war es trotzdem!
In Osterode ist meine Großmutter zur Schule gegangen, und hat nachmittags dann ihre Tante besucht, die dort in einer Wohnung in einem (ebenfalls eher unscheinbaren) Haus wohnte. Ich weiß nicht genau, warum mich diese Tante so fasziniert - sie hat eigentlich Zeit ihres Lebens nicht viel gemacht außer von ihrer Witwenrente zu leben und Bücher zu lesen - aber die Faszination reicht jedenfalls aus, um so angetan vor ihrem Haus auf und ab zu laufen, dass Passanten das Bedürfnis haben, mir weiterhelfen zu wollen. Tja. Ich glaube, es liegt daran, dass mir mein Vater erzählt hat, dass ihr früh verstorbener Mann, ein Angestellter bei der Deutschen Bahn, ihr lebenslänglich die Möglichkeit verschafft hat, kostenlos mit dem Zug durch die Republik zu fahren. Davon hat sie, soweit ich weiß, nicht mal viel Gebrauch gemacht, aber in meinem Kopf ist sie eine selbstbestimmte Frau, die ohne Mann gelebt, gelesen und Zugreisen gemacht hat, und das finde ich eigentlich kein schlechtes Lebenskonzept. Daran zeigt sich mal wieder, dass die Realität viel weniger wichtig ist als die Vorstellung, die wir uns von ihr machen.
Bevor wir die endgültige Heimfahrt antreten, trinken wir nochmal einen Kaffee in Katlenburg; in derselben Bäckerei, in der wir auch an unserem ersten Tag waren, und damit endet unsere Reise am selben Ort, an dem sie begonnen hat. Mit einem letzten Blick auf den Laden von meinem Ururgroßvater, von dem ich jetzt etwas mehr, und doch eigentlich fast nichts weiß, verlassen wir Katlenburg und den Harz - vorerst, aber nicht für immer.






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Pearl (Dienstag, 14 Oktober 2025 14:46)
Was für eine schöne Reise in die Geschichte einer Familie und durch die geheimnisvollen Orte im Harz. Dankeschön, dass du uns dahin mitgenommen hast.
Brigitte Herd (Dienstag, 14 Oktober 2025 22:40)
Das ist sehr einfühlsam geschrieben,man meint dabei zu sein. ..Und das nächste Mal Julia, läuten wir in Katlenburg an!!!