· 

ItaLIA #13: Ferrara, Padua, Venedig

ItaLIA #13: Auf in neue Gefilde: Ferrara, Padua und Venedig

Letzte Woche sollte es auf zu einer weiteren Reise und meinem letzten größeren Abenteuer hier in Italien gehen: Meine Freundin A. und ich sind in die Stadt der tausend Brücken und Kanäle aufgebrochen: Venedig! Vorher sollte es noch zu zwei weiteren interessanten Städten gehen, nämlich Ferrara und Padua. Wir hatten bereits alles geplant und gebucht, wir mussten nur noch losfahren, und das zwar am Montag ziemlich früh. Unser Zug ging um halb acht Uhr morgens, und nachdem ich A. noch einmal daran erinnert hatte, dass wir uns auf jeden Fall rechtzeitig treffen mussten (es muss ja immer alles reibungslos funktionieren bei mir), hatte ich am Sonntagabend alle Sachen gepackt und meinen Handywecker gestellt – es konnte also nichts schief gehen.

Eigentlich.

Tatsächlich habe ich nämlich zum ersten Mal in meinem Leben verschlafen. Verschlafen! Ich! Ich konnte überhaupt nicht verstehen, wie mir geschah, als ich am Montagfrüh von einem nachdrücklichen Klingeln an meiner Tür geweckt wurde. Zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass mein Handy völlig unerklärlicherweise über Nacht ausgegangen (es war übrigens voll aufgeladen!) und damit natürlich mein Wecker ausgefallen ist. Trotzdem hätte ich ja nicht unbedingt erst eineinhalb Stunden nach der geplanten Zeit aufwachen müssen. Nun ja. Ich bin dann, obwohl noch gar nicht richtig wach, innerhalb 5 Minuten aus dem Bett gefallen und in meine Klamotten gesprungen, aber unser Zug war natürlich trotzdem weg. Schade Schokolade. Unser Glück war, dass wir am Schalter des Bahnhofs auf eine sehr nette Frau gestoßen sind, die zusätzlich noch ganz begeistert war, dass sie an uns mal wieder ihr etwas eingerostetes Deutsch ausprobieren konnte und die uns eine neue Verbindung herausgesucht hat. Dank veränderter Umsteigezeiten sind wir dann letztlich sogar nur eine halbe Stunde später als geplant in Ferrara angekommen. Wenn auch etwas gestresster als geplant.

Am Bahnhof wurden wir übrigens von Giovanni abgeholt, dem Vermieter unserer airbnb-Unterkunft. Giovanni war sehr nett und ein Italiener, wie er im Buche steht. Er hat mich bereits im Zug angerufen („Ciao, sono Giovanni!“), um sich nach unserer genauen Ankunftszeit zu erkundigen und sehr deutlich zu machen, dass wir mit dem Bus viel zu lange brauchen würden („No no no, troppo lungo!“) und er uns einfach selber abholen würde. Keine Widerrede möglich. Nicht, dass ich mich beschwert hätte. Vor dem Bahnhof hat er uns bereits an sein Auto gelehnt erwartet, sich dann gleich mit ausladenden Handbewegungen (ich habe ja letztens schon von der italienischen Zeichensprache berichtet) beschwert, dass wir ihn nicht sofort angerufen hatten und uns dann während der Fahrt über alles unseren Italienaufenthalt betreffend ausgequetscht. Es war wirklich nett.

Die Unterkunft war übrigens eine sehr schöne und gepflegte Ferienwohnung, mit deren Größe wir gar nicht gerechnet hatten, und über die man, von der ziemlich harten Matratze mal abgesehen, wirklich nur Positives sagen kann. Sie hatte sogar eine Küche, von der wir natürlich abends gleich Gebrauch gemacht haben (es gab sogar Pasta im Küchenschrank!). Nachdem wir uns erstmal eine Weile auf der sehr gemütlichen Couch von dem echt stressigen Vormittag erholt hatten, haben wir uns dann langsam in Richtung Bushaltestelle bewegt. Ein klitzekleiner Nachteil der Wohnung war nämlich, dass sie weniger zentral lag, als wir angenommen hatten, was aber nicht weiter schlimm war. Zunächst haben wir in einem nahegelegenen Tabacchi-Laden, wo man für gewöhnlich Bustickets etwas günstiger kaufen kann, versucht an Fahrkarten zu kommen. Der Mann in besagtem Laden hat uns an die Bar schräg gegenüber verwiesen, der Mann in jener Bar wollte uns dann wiederum zurück zum Tabacchi schicken. Typisch Italien – da weiß halt nie jemand so ganz genau Bescheid. Es geht ja auch so. Letztlich mussten wir die Tickets dann doch im Bus kaufen, wo der Busfahrer allerdings keinen Cent Wechselgeld dabei hatte. Willkommen in Italien. Immer wieder. Wenigstens sind immer alle sehr charmant, während sie ihr casino veranstalten. Auf der Suche nach jemandem, der uns einen Schein wechseln konnte, haben wir uns dann jedenfalls noch mit dem Mann aus der bereits erwähnten Bar angefreundet. Der war wirklich sehr nett. Mir ist übrigens bei diesen drei Bekanntschaften (Tabacchi-Mann, Bar-Mann, Busfahrer) gleich der Unterschied im Dialekt aufgefallen. Ferrara liegt in der Emilia-Romagna und irgendwie hört sich die Aussprache dort etwas undeutlicher, „gemurmelter“ an. Italienische Dialekte sind echt spannend, und mir ist erst jetzt aufgefallen, wie sehr ich mich offenbar schon an das Toskanische gewöhnt habe.

Wie auch immer, nach dieser Odyssee sind wir letztlich noch an unser Ticket gekommen und sind dann in die Innenstadt Ferraras gefahren. Wie auch die Sprache hat auch die Stadt einen ganz anderen Charakter als all die toskanischen Städte und vor allem natürlich wie die kleinen Festungen, die wir die vorige Woche besichtigt hatten. Auch Ferrara ist sehr mittelalterlich und vom Charakter her vielleicht ein wenig mit Bologna zu vergleichen. Die Häuser sind auch hier in rotem Ziegel gebaut und zum Großteil noch in ihrem alten Zustand erhalten. Falls nicht, sind sie aber meist nur überputzt und angestrichen, das fällt vor allem bei den Häusern auf, bei denen der Putz bereits wieder abbröckelt und stellenweise die alte rote Ziegelfassade wieder sichtbar ist.

Leider hatten wir kein allzu großes Glück mit dem Wetter. Kurz nachdem wir im Zentrum angekommen waren, hat es sogar erstmal eine ganze Weile geregnet und wir waren schon etwas frustriert, weil man unter einem Regenschirm halt nicht ganz so viel sieht, wenn man durch eine Stadt geht. Nach etwa einer Stunde hat es dann aber zum Glück wieder aufgehört und sich auch den Rest des Nachmittages so gehalten, sodass wir doch noch einiges sehen konnten.

Hauptsehenswürdigkeit und Wahrzeichen Ferraras ist das sogenannte Castello, in dem früher das Herrschergeschlecht der Esten gelebt hat. Ein wirklich beeindruckender Bau: eine Burg, wie man sie sich vorstellt, und das mitten in der Stadt. Sie hat sogar einen Burggraben!   

 

Damit fing dann unser kleines Kulturprogramm auch schon an, denn auch in Ferrara sind wir auf lauter Spuren, die wir aus unseren Literatur- und Geschichtskursen des vergangenen Semesters bereits kannten, gewandelt! Einer der uns bekannten Autoren, nämlich Torquato Tasso, war nämlich Dichter am Ester Hof in Ferrara. Ansonsten hat man natürlich auch wieder viel aus unserem Kurs „Geschichte der Stadt“ wiedererkannt. Auf der Stadtkarte, die wir uns im Touristenbüro besorgt hatten, waren sogar ein mittelalterlicher und ein Renaissance-Rundgang verzeichnet, die wir bis Dienstagmittag auch fleißig beide abgelaufen sind. Auch wenn wir es in erster Linie natürlich ganz amüsant fanden, war es ein gutes Gefühl, einige Dinge wiederzuerkennen und in einen gewissen Zusammenhang von verschiedenen Stadtbildern in der jeweiligen Zeit bringen zu können. Es ist also tatsächlich das ein oder andere hängen geblieben, auch wenn man es vielleicht gar nicht vermutet hätte. Verstärkte Straßenecken und Hauswände gibt es tatsächlich, und glaubt es oder glaubt es nicht: Wir haben sogar ein paar Hinweise auf die Etrusker auf unserem Stadtplan gefunden! Ha! 

Das Castello Ferraras - um einmal den Wetterunterschied zwischen Montag und Dienstag zu verdeutlichen

In Bezug auf das Mittelalter ist in Ferrara die Via delle Volte sehr interessant: eine Straße mit so einigen erhaltenen mittelalterlichen Straßenbögen (die man in ähnlicher Form auch in der Toskana häufig findet). Auch wenn das alles wirklich schön und beeindruckend ist, finde ich, dass Ferrara gerade durch all diese Eigenschaften und die dunkelrote Farbe etwas düster wirkt. Diesen Eindruck hatte ich zum Teil auch in Bologna, aber hier ist es mir noch mehr aufgefallen. Die Stadt hat nichts Schnuckeliges, Goldiges und Gemütliches wie Pisa oder Lucca. Es ist hübsch, aber irgendwie kann man doch nachfühlen, warum man manchmal vom dunklen Mittelalter spricht. 

Was mir aber sehr viel besser gefällt als bei uns in Pisa: In Ferrara gibt es viel mehr Grün! Wir sind an mehreren Parks und Grünflächen vorbeigekommen, und der Stadtplan hat sogar noch einige mehr etwas weiter außerhalb versprochen. Zudem gibt es auch in Ferrara, ähnlich wie in Lucca, noch weite erhaltene Teile der Stadtmauer, die begeh- und befahrbar sind. Das trägt, denke ich, sehr zur Lebensqualität bei und würde mir sehr gut gefallen, würde ich dort wohnen. Ferrara stand nämlich für unser Auslandssemester ebenfalls zur Auswahl. 

Nicht nur deshalb hätte Ferrara sicherlich mehr Zeit verdient, die man seiner Erkundung widmet. Leider hatten wir die dieses Mal nicht, denn am Dienstagmittag ging es auf zur nächsten Reisestation: Padova (bzw. Padua, wenn wir bei deutschen Bezeichnungen bleiben wollen). 

Zwischenhalt in Padua

Hier hielt sich die nächste Überraschung für uns bereit. Diese hätte man, ich gebe es zu, bei besserer Vorbereitung vermeiden können, aber da waren wir wohl ein wenig zu spontan. Wir hatten nämlich beide aus irgendeinem Grund die Vorstellung, Padua sei in etwa so groß wie Pisa und in ein paar Stunden locker zu besichtigen. Fehlanzeige! Wir hätten vielleicht schon stutzig werden können, als wir in meinem Reiseführer von der sechsstündigen self-guided tour lasen, aber spätestens als wir die Tram an uns vorbeifahren sahen, als wir aus dem Bahnhofsgebäude kamen, war die Sache klar: Padua war doch deutlich größer als gedacht.

Und wie das in den meisten Städten ja so ist, wird der Bahnhofsbezirk dem Rest der Stadt nicht unbedingt gerecht. Da wir aber vom Stress des vorigen Tages noch immer einigermaßen abgekämpft und obendrein ziemlich hungrig waren, waren wir erstmal ziemlich entsetzt und buchstäblich überfahren; der Verkehr konnte sich nämlich sehen lassen.

Unser erster Weg hat uns in eine Pizzeria am Rand des Zentrums geführt. Die Pizza war sehr gut (ich hatte eine mit Ricotta, was echt sehr lecker ist), die Bedienung war allerdings von unserem Touri-Look mit den fetten Rucksäcken, der uns ja auch selbst etwas peinlich war, aber was sollten wir denn machen, nicht sehr angetan und entsprechend irgendwie total unfreundlich. Man hatte jedenfalls das Gefühl, sie wollten uns schnell wieder loswerden, unter anderem deshalb, weil meiner Freundin der Teller noch unter dem letzten Stück Pizza weggezogen wurde. Nun ja.

An diesem Tag war das Wetter übrigens schon um einiges besser und sehr schön sonnig, und deshalb haben wir uns erstmal, zumindest nicht mehr hungrig, aber noch immer etwas kaputt, auf die nächstbeste Piazza in die Sonne gesetzt und waren beide nicht gerade übermäßig zum Sightseeing motiviert.

 

Später hat sich herausgestellt, dass wir uns mal lieber etwas zusammengerissen hätten und schneller weitergezogen wären, denn Padua hat wirklich so einiges zu bieten. Das mussten wir dann in der etwas schnelleren Variante durchziehen. 

Hier ein paar Impressionen: 

Fußgängerzone Padua

Padua hat einen gänzlich anderen Stil als alle anderen Städte Italiens, die ich bisher gesehen habe. Vor allem ist mir das in der Haupteinkaufsstraße aufgefallen. In erster Linie liegt das wohl daran, dass alles so... nun ja, aufgeräumt und sauber aussieht. Alles wirkt geräumig und luftig, man sieht nirgendwo abbröckelnden Putz und die Straßen sind, selbst in den Nebengassen, breiter und wirken trotz vieler Altbauten irgendwie neuer und moderner.

Die Einkaufsstraße hat mir sehr gefallen, denn es gab trotz allem noch einige individuellere Geschäfte, die nicht überall in Europa zu finden sind. Hätten wir mehr Zeit gehabt, hätte ich große Lust zu einem Bummel durch die Läden gehabt.   

Basilica di S. Antonio

Wenn man glaubt, schon am Ende der Stadt angekommen zu sein, taucht erst dieses enorme Bauwerk auf: Die riesige Basilica ist dem Heiligen Antonio geweiht und beherbergt sein Grab und seine Reliquien, unter anderem seine Zunge und seine Stimmbänder. Ist ein ziemlich großes Ding, aber weder A. noch ich können uns mit diesem katholischen Hype um abgetrennte Körperteile in all den Kirchen hier so recht anfreunden. Beeindruckend und wirklich prachtvoll ist die Kirche trotzdem. 

Basilica Santa Giustina

Kaum 500 Meter weiter befindet sich dann die mindestens ebenso riesige Basilika Santa Giustina. Seltsamerweise verliert mein Reiseführer kein einziges Wort über sie, was nur schwer nachzuvollziehen ist, denn an Größe steht sie S. Antonio zumindest auf den ersten Blick kaum etwas nach. Von innen ist sie etwas schlichter gehalten (was wirklich kein Kunststück ist, denn mehr Dekor und Schmuck ist ohnehin kaum möglich), aber ich fand das sogar ganz positiv. Trotzdem bleibt unser Pisaner Dom natürlich mein Favorit, auch wenn das hier ein ganz anderes Erlebnis war.  


Uni Padova

Padua ist eine Studentenstadt und das ist allgemein zu spüren - spätestens wenn man an den Wahnsinns-Unigebäuden vorbeikommt. Da kann sowohl Pisa als auch Göttingen echt einpacken. Der Säulengang und all die Dekorationen lassen einen fast glauben, man befände sich in irgendeiner Philosophenschule im alten Griechenland oder etwas in der Art. Was mir aber wirklich gut gefällt ist, dass die alten Gebäude nicht als Museum umfunktioniert wurden, sondern auch heute noch ganz normal für den universitären Betrieb verwendet werden. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Padua seine Historie mit moderner Atmosphäre verbindet. 

Außerdem haben wir am Eingang den ersten Hinweis auf Venedig und die geflügelten Löwen gefunden, die uns in den folgenden Tagen noch öfter begleiten sollten! 

 


Stadt der Marktplätze // "Piazze"

Paduas Zentrum wird durch drei größere Piazze bestimmt: Piazza delle Erbe, Piazza della Frutta und Piazza dei Signori. Hier kann man vormittags wohl ein reges Markttreiben mit allen vorstellbaren Produkten beobachten. Das haben wir verpasst, aber auch nachmittags, wenn sich die Plätze allmählich mit Studenten (wohl alle auf giro unterwegs) füllen, ist die Stimmung sehr schön. Zwischen Piazza della Frutta und delle Erbe befindet sich der Palazzo della Ragione, ein großes mit Säulen ausgeschmücktes Gebäude, in dessen Inneren sich eine Art dauerhafter Markt befindet. Ich glaube, für meine Mama wäre Padua ein echtes Paradies! ;-) 

Auf der Piazza della Signoria finden sich zudem zwei Hinweise auf Venedigs Vorherrschaft in Padua zu Zeiten der italienischen Signorie: der Uhrturm, den ihr unten in der Galerie sehen könnt und der in ganz ähnlicher Form auch in Venedig auf der Piazza San Marco existiert, und die Säule mit einem geflügelten Löwen drauf. Man lernt schon immer wieder war über die Geschichte, wenn man in Italien unterwegs ist, man kommt gar nicht drum herum. 

Gerade hier hätte ich gerne noch etwas mehr Zeit verbracht, denn man spürt richtig das Schwirren in der Luft und das Leben in den Straßen von Padua. Leider hat unsere Zeit nicht mehr gereicht und wir mussten uns relativ schnell von der Piazza della Signoria im bereits leichten Dämmerlicht verabschieden. Trotzdem hoffe ich, dass ich irgendwann noch einmal dorthin zurückkehren kann, mit etwas mehr Zeit im Gepäck. 

Weiter nach Venedig

Als wir in Venedig angekommen sind, war es bereits dunkel, aber man konnte trotzdem noch genug erkennen, um zu sehen, dass wir bereits als der Zug noch fuhr ringsum von Wasser umgeben waren. Venedig ist ja eine Insel und nur durch eine Art große Brücke mit dem Festland verbunden, aber richtig verstanden habe ich das erst, als ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Entsprechend begeistert waren wir, als wir aus dem Bahnhofsgebäude von Venezia Santa Lucia getreten sind und sich uns dieser Anblick geboten hat - das war definitiv einen kleinen aufgeregten Freudenhüpfer wert. Da war der Canal Grande, ganz echt und in Farbe! Und im Dunklen mit den brennenden Straßenlaternen war das ein umwerfender Anblick. 

Unser B&B-Vermieter Roberto hatte mich schon im Voraus aufgeklärt, wir würden zu unserer Unterkunft mit dem "vaporetto" fahren müssen. Ich hatte, naiv wie ich manchmal bin, keine Ahnung und musste das erstmal nachschlagen und war irgendwie ganz überrascht, dass das die Bezeichnung für einen Wasserbus ist. Was für eine absurde Vorstellung, aber wir sollten schnell herausfinden, dass das in Venedig das Verkehrsmittel Nummer 1 ist Die zweite Lektion in Bezug auf die Vaporetti brachte gleich noch eine weitere Erkenntnis über die Stadt mit sich: 

Vaporetto-Tickets sind, wie so ziemlich alles in Venedig, abartig teuer. Eine Einzelfahrt kostet 7,50€. Ja, richtig gelesen. Für eine Dreitageskarte zahlt man 40. Damit hatten wir gar nicht gerechnet und mussten erstmal Luft holen. Letztlich hatten wir zum Glück noch den Jungspund-Vorteil (nennt sich "Rolling Venice") und haben 28 € pro Nase für 3 Tage gezahlt. Später haben wir herausgefunden, dass wir damit noch ziemlich gut weggekommen sind. Kleines Gegenbeispiel: 25 Minuten Gondelfahren auf dem Canal Grande kann man ab 80 €. Dagegen hatten wir ja ein richtiggehendes Schnäppchen gemacht. Aber mal im Ernst, die Preise sind in Venedig wirklich nicht normal, egal ob für Verkehrsmittel, Essen, Kaffee oder Sonstiges.

Das war also die erste etwas bittere Überraschung, ansonsten sollte der Abend aber nur noch positive Überraschungen bereithalten. Die meisten davon hatten mit unsere Unterkunft und Roberto, dem Gastgeber zu tun. Jedem, der irgendwann mal nach Venedig will, kann ich das B&B Venezia, das wir durch Zufall bei airbnb gefunden haben, nur wärmstens ans Herz legen. Roberto war einfach nur der Knaller. Im Ernst. Er hat uns an der Vaporetto-Station, die er mir vorher per Mail genau beschrieben hat, auf Abruf abgeholt, war unglaublich freundlich und hat uns gleich alle notwendigen Informationen sowie ein paar Tipps über Venedig gegeben. Zudem ist er einfach ein total drolliger Typ, der mit "la mamma" ein Stockwerk weiter unten im Haus wohnt und dem man richtig anmerkt, dass ihm sein Job Spaß macht. Es war schön, mal jemanden zu treffen, dem man als "Touri" nicht von vorneherein unsympathisch ist. Echte Gastfreundschaft, wie man sie sich immer ausmalt. Unbedingt erwähnen muss ich außerdem noch das Frühstück, das schon auf der Homepage als "colazione continentale" betitelt worden ist. Bei italienischem Frühstück bin ich immer von vorneherein äußerst skeptisch, weil das normalerweise nur aus Keks und Espresso besteht und dann als "vollwertig" bezeichnet wird, aber das bei Roberto konnte sich tatsächlich sehen lassen. Gut, es gab Toast, und auch hier konnte man die italienische Neigung, alles einzeln in Plastik abzupacken, durchscheinen sehen, aber es war das reichhaltigste Frühstück, was mir in Italien jemals untergekommen ist. 

S. Elena - unser "Viertel"

Der Stadtteil sowie die Vaporetto-Station, in der sich das B&B befand, heißt Sant'Elena und gehört zu den etwas abgelegeneren Teilen Venedigs (was die Kaffeepreise leider trotzdem nicht sonderlich senkt). Am Ufer steht ein richtiggehender kleiner Wald - ein unbezahlbarer Anblick, wenn hinter den Bäumen (ich bin mir nicht ganz sicher, ob es Pinien sind oder ob es die nur in der Toskana gibt, Schande über mich) das in der Morgensonne glitzernde Wasser hervorblitzt. Durch die Vaporetto-Station waren wir trotzdem sehr gut mit dem Zentrum verbunden, und San Marco war selbst zu Fuß ganz gut zu erreichen. Außerdem sind auch die Anwohner dort sehr nett - einer davon hat uns extra von seinem Haus aus zum Mini-Markt begleitet, den wir gesucht hatten und uns dabei direkt mal verirrt hatten. 

Insgesamt war das auf jeden Fall Urlaubsfeeling pur! 

Tag 1 in Venedig - Cruising auf dem Canal Grande und mehr

Nach der ersten Nacht in unserem tollen B&B-Zimmer und dem ersten "kontinentalen Frühstück" ging es auf zu unserer ersten Erkundungstour durch die Stadt, die sich naheliegender Weise auf dem Wasser abgespielt hat. Wir haben gleich mal Gebrauch von unseren Vaporetto-Tickets gemacht und haben bestimmt 2 Stunden damit verbracht, den Kanal hoch und wieder runter zu schippern. Überhaupt hat sich das Vaporetto-Fahren zu unserer Lieblingsbeschäftigung entwickelt - wir haben die lange, ausführliche und vor allem langsame Tour mit der Linie 1 jeden Tag mehrmals gemacht, und es ist nie langweilig geworden.

Es ist aber auch einfach zu witzig auf dem Kanal. Dort herrscht ein immerzu reges Treiben, bei dem man einfach gerne zusieht. Zwischen Gondeln und Vaporetti fahren nämlich so einige spezielle Boote rum: Alles, was in normalen Städten einen fahrbaren Untersatz in Form von einem Auto hat, hat in Venedig eben ein Boot. Es fährt dort also Polizei rum, die Carabinieri haben auch ein eigenes ziemlich schnittiges Gefährt und von allen möglichen Lieferbooten und Post, DHL und Co müssen wir gar nicht erst anfangen. Für uns sieht das natürlich ziemlich absurd und absonderlich aus, aber in Venedig ist es der ganz normale Alltag. Daran sieht man mal wieder, wie relativ "Normalität" sein kann.  Neben der Rialto-Brücke (siehe unten) war mein persönliches Highlight übrigens eine asiatische Familie, die in ihrer Gondel wild mit Selfie-Sticks herumposiert hat: 6 Menschen, 5 Selfie-Sticks und ein Boot. Damit möchte ich natürlich keine Vorurteile reproduzieren, aber der Klischee-Charakter war dann halt doch einfach witzig. Am besten an der ganzen Szenerie war der resignierte Gesichtsausdruck des Gondoliere. Den habe ich leider nicht auf Foto, dafür aber ein paar schöne andere Impressionen, man sehe selbst: 

Die zwei Möwenarten: "Süß und klein" versus "Etwas beängstigend und riesig"

Es gibt zwei sehr unterschiedliche Möwenarten in Venedig. Wir haben mit beiden Bekanntschaft gemacht, sehr zur Freude von A., und zwar dank meiner Taubenfütterungsaktion während unseres Mittagessens (geklaute Reste vom Frühstück) am Kanalrand. Zu den Tauben hat sich erst eine von den süßen Möwen mit dem grauen Kopf gesellt, und schließlich kam dann dieses riesige Exemplar und hat all meine neu gewonnen Freunde wieder vertrieben. Vor der hatte selbst ich ein bisschen Respekt. Zum Glück waren meine Krümel dann sowieso schon alle weg und wir konnten weiterziehen. 

Geheimtipp: Terrazza "Fondaco dei Tedeschi"

Als nächstes auf unserem Programm stand eine Empfehlung von Roberto: Auf die Aussichtsterrasse eines Hochhauses zu gehen, das sich "Fondaco dei Tedeschi" nennt und sich ganz in der Nähe der Rialto-Brücke befindet. Wir als Deutsche konnten uns das natürlich nicht zweimal sagen lassen. Obwohl wir durchaus zweimal hinsehen mussten, denn dabei handelte es sich um ein piekfeines Luxus-Kaufhaus, bei dem sogar ein Bodyguard an der Tür stand. Erst haben wir uns gar nicht reingetraut, doch als wir dann durch die Glastür noch ein paar weitere Rucksäcke ausgemacht haben, sind wir einfach todesmutig losgegangen, und haben sogar die Tür vom Bodyguard aufgehalten bekommen. Ihr könnt euch in der Galerie selbst ein Bild machen, aber in diesem Hochhaus gab es rote Teppiche so weit das Auge reichte und ich kam mir ziemlich, ziemlich fehl am Platz vor. Wohl gemerkt: Der Zutritt zu der Terrasse ist kostenlos, und gar nicht mal so überfüllt wie man vermuten würde. Was wahrscheinlich daran liegt, dass man es dem Gebäude eben nicht ansieht, dass man dort als Normalsterblicher, ohne eine reichlich gedeckte Kreditkarte vorzuweisen, rein darf. 

Der Ausblick war jedenfalls spektakulär. Abgesehen davon, dass man einen ganz guten Überblick über die Stadt bekommen hat, war die Sicht einfach großartig. Aber ich lasse lieber ein paar Bilder als meine ohnehin unzureichenden Beschreibungen sprechen. Wir waren Roberto für seinen Geheimtipp jedenfalls sehr dankbar! 

Piazza San Marco und von geflügelten Löwen

Der Pflichtprogrammpunkt in Venedig schlechthin, wie könnte  es anders sein, ist natürlich die berühmt-berüchtigte Piazza San Marco. Diese wird beherrscht von der riesigen, goldüberladenen Basilica San Marco und der Säule, die mit dem geflügelten Löwen, dem Wahrzeichen der Stadt, geschmückt ist.

Die Kirche ist gerade von außen wirklich beeindruckend, aber trotzdem muss ich sagen, dass ich mir unter der gesamten Piazza ein wenig mehr vorgestellt hatte. Wahrscheinlich liegt es daran, dass das Bild in meinem Kopf ein wenig zu spektakulär gewesen war. Es wird eben immer von der so außergewöhnlichen, großartigen Ausstrahlung gesprochen und die Piazza mit Größen wie Vivaldi  usw. assoziiert. Diesen Erwartungen kann man natürlich nur schlecht gerecht werden. Letztlich bleibt auch San Marco einfach nur eine Piazza und kein Wunderland. 

Am Donnerstag waren wir dann auch im Inneren der Basilica, welche ich, anders als ihre äußere Fassade, sehr düster fand. Auch hier ist alles aufs Reichste mit Gold verziert, aber es wirkt einfach dunkel. Der Schmuck beschränkt sich in erster Linie auf die Decke und den oberen Teil der Kirche, welcher im Übermaß bemalt, vergoldet und verziert ist und der zudem unzählige Bibel- und Gründungsgeschichten in Bildern erzählt. Der untere Teil, unter anderem das mittlere Kirchenschiff, wirkt dagegen ganz anders. In meinem Reiseführer habe ich gelesen, dass dieser optische Gegensatz den Unterschied zwischen Gottes Himmelreich und der sündenhaften Erdenwelt verbildlichen soll. Macht zwar Sinn, finde ich aber ehrlich gesagt trotzdem nicht sehr schön.

Ansonsten haben wir viel Zeit damit verbracht, durch die kleinen Gässchen zu schlendern und unzählige Brücken zu überqueren, die über die vielen kleinen Kanäle führen und so Venedigs über 100 Inseln miteinander verbinden. Durch die verwinkelte Struktur und die vielen Sackgassen ist es recht schwierig, einen Überblick zu erlangen und dafür umso leichter, sich zu verlaufen. Früher oder später kommt man aber immer wieder am Canal Grande heraus. Es gibt viele kleine Lädchen und Souvenir-Geschäfte in diesen Gassen zu entdecken, und vor allem die klassischen Karnevals-Masken kann man natürlich überall und in allen denkbaren Ausführungen erstehen. Kleiner Fun-Fact: In Venedig hat jeder Hauseingang bzw. jede Adresse eine eigene Nummer, die sich nicht nur auf die Straße, sondern auf die gesamte Stadt bezieht. Die Zahlen gehen also bis in die Tausender-Höhen und so hat der Begriff "Hausnummer" hier also eine ganz eigene Bedeutung.

Ansonsten ist mir bei unseren Erkundungsgängen aufgefallen, dass Venedig keine Farbe hat, die einem fortlaufend begegnet und die es auf die eine oder andere Art charakterisiert. Venedig hat stattdessen ein Symbol und was könnte das anderes sein als der geflügelte Löwe. Er begegnet einem tatsächlich in allen Farben und Formen. Ein paar davon habe ich hier für euch eingefangen: 

Löwen-Galerie

Buntes Burano

An unserem letzen Nachmittag haben wir uns dann letztlich via Vaporetto noch zu einer der Inseln, die Venedig umgeben, aufgemacht: Nach Burano, der Insel, auf der das Kunsthandwerk der Spitzenherstellung zu Hause ist. Die Insel ist sehr klein und zeichnet sich durch ihre knallbunt angestrichenen Hausfassaden aus. Es ist, als befände man sich in einem Miniatur-Venedig, das in einen Kinder-Farbkasten gefallen ist. Das hat definitiv einen ganz eigenen Charme, auch wenn ich es anfangs ein wenig krass fand. Wir haben den Abend dann noch mit dem unumgänglichen, wie immer sehr sehr schönen Sonnenuntergang ausklingen lassen, mit den Füßen über den Rand der Insel baumelnd, bevor wir dann wieder in das mit Touristen überfüllte Vaporetto zurück nach Venedig gestiegen sind. 

Sonnenuntergang in Burano

Freitag Nachmittag, nach einer letzten Vaporetto-Fahrt und einer letzten kleinen Tour durch die Stadt, war dann die Zeit für den Abschied von Venedig und von Roberto gekommen. Vor allem letzteres war ein wenig traurig, aber wir haben Roberto natürlich versprochen, wiederzukommen. Trotz einer gewissen Wehmut, da es sich nun auch um meine letzte größere Reise in Italien gehandelt hatte, freute ich mich auch auf meine letzte Woche in Pisa, in der ich alles Liebgewonnene noch einmal ganz bewusst erleben und genießen wollte.

Übrigens sind wir auf unserer Rückfahrt in einem der italienischen Schnellzüge, der sogenannten "Frecciargento", gefahren. Total cool, die Dinger stechen die ICEs unserer Deutschen Bahn locker aus!

Also Auf Wiedersehen, Arrivederci, Venedig und Bis Bald, liebe Leute!

Eure Lia

Kommentar schreiben

Kommentare: 0