ItaLIA #7: ESN goes to Bologna & Parma oder: Die Affen sind los!
Uund ich melde mich zurück aus dem herbstlich-weihnachtlichen Italien. Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, aber in den letzten beiden Novemberwochen hat hier doch tatsächlich noch die Herbstfärbung eingesetzt. Fast zeitgleich wurde auch die Weihnachtsbeleuchtung angeschaltet - ein sehr netter Kontrast übrigens. Es ist ein bisschen seltsam, dass im Dezember die Bäume hier noch alle Blätter haben und alles so herbstlich-farbig aussieht, aber ich ich will mich nicht beschweren. Ich freue mich, dass ich wenigstens jetzt noch ein bisschen durch welkes, knisterndes Laub hüpfen kann.
Das Foto, das ihr oben seht, ist übrigens in Parma entstanden, und das führt mich auch schon zum eigentlichen Punkt dieses Eintrags: Ich war nämlich letztes Wochenende in Bologna und Parma! Es ist schon ziemlich cool, wenn ich darüber nachdenke, dass ich die eine Woche mal in Siena, dann in Bologna und in sonstigen so schönen und interessanten italienischen Städten unterwegs bin. Es hört sich so unwirklich an, und trotzdem ist es momentan mein tägliches Leben. Also wie gesagt, mein Weg hat mich am Samstag zunächst nach Bologna geführt, und zwar zusammen mit der Gruppe ESN Pisa (Erasmus Student Network), die hier sämtliche Erasmus-Events, Reisen etc. organisiert. Und ja, was soll ich sagen, es war ein... außergewöhnliches Wochenende, wenn ich es mal vorsichtig zu formulieren versuche. Aber fangen wir von vorne an.
Am Samstag ging es in aller Herrgottsfrühe (Treffpunkt war um sieben Uhr, aber bis alle Spanier bei solchen Veranstaltungen eingetrudelt sind, dauerte es natürlich bis halb acht) mit einem Bus voller Erasmus-Studenten, mitten darunter meine Freundinnen und ich, in Richtung Bologna.
Fangen wir mit dem Positiven an: Bologna ist eine wunderschöne Stadt. Tatsächlich viel schöner, als ich erwartet hatte, vorher war mir das gar nicht so klar. Sie hat einen ganz eigenen Charme, mit anderen Städten, die ich hier bisher hier besucht habe, gar nicht richtig zu vergleichen. Ja, ich weiß, ich behaupte das gefühlt bisher von jeder Stadt hier in Italien, aber was soll ich machen, wenn die Städte hier alle so schön und einzigartig sind? In Bologna hat jedenfalls das Mittelalter deutliche Spuren hinterlassen, die meisten Häuser in dem byzantinischen Baustil sind noch erhalten und überall sieht man ... ich weiß nicht, wie man das nennt. Diese zinkenförmigen Dächer (schlechteste Beschreibung ever!). Ich lasse lieber mal ein Bild sprechen, bevor ich mich in noch peinlicheren unfachmännischen Erklärungsversuchen verwickle:
Zudem ist die Farbe Rot in Bologna allgegenwärtig und so entsteht zwar eine etwas düstere, eben mittelalterliche Stimmung, was aber meiner Meinung nach gerade reizvoll ist. Funfact, von unserer Stadtführung geklaut: Bologna wird im Volksmund "la rossa" (die rote), "la grassa" (die dicke) "e la dotta" (die gelehrte) genannt, eben wegen der roten Häuser, des reichlichen guten Essens und der Universität.
Apropos Stadtführung: Die war mitunter das Highlight des Wochenendes. Anders als man es bisher von der esn-Gruppe gewohnt ist, war sie nämlich sehr informativ und richtig interessant. Sie wurde von einer Studentin von esn Bologna gehalten, und meine Güte, das Mädchen hat es drauf! Sie ist mit Sicherheit Geschichtsstudentin, denn sie wusste einfach alles, konnte alles Mögliche zur Stadt und ihrer Geschichte auswendig erzählen und wusste auf jede Frage eine Antwort! Die Führung stand unter dem Thema der sogenannten "7 Geheimnisse" der Stadt und hat uns 2,5 Stunden lang quer durch Bologna geführt. Ich habe leider natürlich nicht alles behalten, aber die wichtigsten Punkte, die mir in Erinnerung geblieben sind, halte ich hier gerne einmal fest.
Angefangen hat unsere Tour an diesem gigantischen Weihnachtsbaum, den ihr hier an der Seite sehen könnt...
Unter anderem hat unser Weg an der Piazza Maggiore vorbeigeführt, deren Herzstück die Basilika San Petronio darstellt. Oben ist die Kirche im byzantinischen, unten im Renaissance-Stil gestaltet. Anders als üblich, hat in Bologna die Basilika größere Bedeutung als der Dom. Die genauen Gründe habe ich vergessen, aber es hat damit zu tun, dass man mit dem Ausbau der Basilika den Petersdom im Vatikan übertrumpfen wollte. Das hat dem Papst natürlich gar nicht gefallen, weshalb er den Bolognesen drohte, sie auszustoßen (geht das überhaupt?), sollten sie dieses Vorhaben in die Tat umsetzen. Der Ausbau war schon im Gange, den Verstoß wollten die stolzen Bolognaner (keine Ahnung, wie sie wirklich heißen) aber auf keinen Fall riskieren, weswegen die Bauarbeiten umgehend abgebrochen wurden. Der Legende nach kann man den Zeitpunkt des Eintreffens des päpstlichen Drohbriefes an dem nur halb fertiggestellten Fenster (siehe links) ablesen. Ziemlich cool, oder?
Das Essen spielt in Bologna natürlich auch eine sehr große Rolle (Spaghetti Bolognese sind ja nicht umsonst weltberühmt), und mitten durch die Innenstadt führt eine sehr lange Gasse voller Läden und Marktstände, an denen alle möglichen frischen Lebensmittel verkauft werden. Nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Fleisch und Fisch im SEHR ursprünglichen, unverarbeiteten Zustand. Von dem Fischgestank will ich gar nicht reden, aber der Rest dieses Stadtteils war wirklich sehr schön; wenn auch noch immer völlig überlaufen.
Wie aus Wohnungsnot eine Tugend wird...
Eine weitere allgegenwärtige Besonderheit dieser Stadt sind die säulengestützten Vorbauten in nahezu allen Straßen des Zentrums. In der Galerie über diesem Text habe ich ein paar Beispiele zusammengestellt. Die Geschichte hinter dem Ganzen kann wahrscheinlich auch heute noch jeder Student sehr gut nachvollziehen: Es war schlichtweg Platzmangel! Bologna ist nicht nur eine der ersten, sondern auch europaweit wichtigsten Universitätsstädte, und dementsprechend kamen natürlich auch Studenten aus ganz Europa dorthin - quasi unsere Erasmus-Vorfahren. Und wo viele Studenten sind, braucht man viele Unterkünfte, aber in der Stadt gab es schnell kein einziges Zimmer mehr zu vermieten. Deswegen kamen die damaligen Architekten auf die Idee, vor die bestehenden Häuser weitere Zimmer anzubauen - total klug und kosten- sowie platzsparend, oder? Durch die Säulenkonstruktionen blieb auch der Platz auf der Straße mehr oder weniger erhalten, und die Studenten mussten nicht mehr meilenweit außerhalb der Stadtmauern wohnen.
Solche Hintergrundinformationen finde ich immer besonders spannend, weil sie einen die Stadt mit anderen, aufmerksameren Augen wahrnehmen lassen. Mit dieser Information kann man die Struktur Bolognas viel besser verstehen. Noch ein Grund mehr, warum unsere Stadtführung etwas Besonderes war.
Die schiefen Türme von Bologna
Italien scheint das Land der schiefen Türme zu sein. In Bologna gibt es "sogar" zwei davon, hat uns unsere Führerin ganz stolz erzählt - da kann man als "Pisaner" natürlich nur lächeln. In Pisa gibt es genau genommen nämlich glaube ich keinen einzigen Turm, der nicht schief ist. Nur das eine, besonders schiefe und besonders schöne Exemplar kennt eben jeder.
Nichtsdestotrotz hat auch Bologna zwei schiefe Türme: den Torre Garisenda und den Torre Asinelli, letzterer ein ganzes Stück höher als sein Nachbar. Einen entscheidenden Vorteil hat dieser Turm aber gegenüber unserem Schätzchen aus Pisa: Er kostet nur 3 Euro Eintritt (und bringt einem abergläubigen Studenten aus Pisa kein Unglück beim Studienabschluss). Das haben wir später am Nachmittag natürlich gleich ausgenutzt und haben den schier unendlichen Aufstieg gewagt (wirklich schier unendlich, kann ich versichern). Aber für den tollen Ausblick hat er sich definitiv gelohnt. Man konnte sogar bis in die nicht mehr ganz so schöne Peripherie samt Hochhäusern gucken...
Und auch in Bologna durfte natürlich die PIZZA nicht fehlen! Dank TripAdvisor sind wir auf das Schätzchen "PizzArtist" in der Via Marsala gestoßen - mehr ein Straßenverkauf als eine Pizzeria, aber es hat wirklich sehr sehr gut geschmeckt! Sorte und Größe der Stücke kann man frei wählen (ich habe zwei probiert :-) ) und, wie so oft hier in Italien, nach Kilopreisen bezahlen. Irgendwann würde ich ja gerne mal zu so einem Stand gehen und ein Kilo Pizza bestellen, das wäre sicherlich witzig...
Und dann waren da noch die Affen...
So, nun haben wir uns aber genug auf die positiven Seiten des Lebens besonnen. Jetzt muss ich einfach noch eine Runde meckern. Denn Bologna ist zwar wunderschön - dank der großartigen Organisation der Fahrt durch ESN hatten wir aber leider insgesamt doch recht wenig davon.
Es ist ja allgemein bekannt, dass Erasmus-Studenten vor allem auf Partys und Alkohol aus sind. Darauf waren wir vorbereitet und hatten eigentlich den Plan, unser eigenes Ding zu machen und uns von der Gruppe abzuseilen, sobald es uns zu viel wird. Ganz ehrlich: Es war mir gleich morgens im Bus schon zu viel. Denn ESN Pisa übertrifft wirklich jedes Vorurteil, das man sich nur vorstellen kann. Leider. Ich gehe jetzt nicht genauer auf den Grad der Betrunkenheit unserer "Betreuer" ein und sage nur so viel: Wir hatten das Gefühl, in einem Affenzirkus gelandet zu sein. Bei so einer Erasmus-Fahrt werden wirklich alle Klischees bedient, die man sich so vorstellen kann. Aber gut, ich will nicht weiter lästern. Aber für das, was wir nachmittags ab 16:30 in Bologna gemacht haben, hätte man auch zu Hause bleiben können: Wir sind nämlich um diese Uhrzeit (natürlich auch hier wieder mit der obligatorischen Verspätung und langer Wartezeit) zum Hostel gefahren, um uns für die am Abend folgenden Party "vorzubereiten", sprich um zu schlafen bzw. für die Mädels um sich für die Disko zu schminken. Wir saßen also den gesamten Abend in einem Hostelzimmer, das ich lieber nicht näher beschreibe, und haben darauf gewartet, dass es Nacht wird. Ihr fragt euch, warum wir dafür so weit gefahren sind, bis nach Bologna?
Ich mich auch.
Das Problem war, dass wir uns von der Gruppe nicht unabhängig machen konnten, denn das Hostel war sehr weit außerhalb des Zentrums und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen. Und mit unseren betrunkenen Freunden war über Abfahrtszeiten und Treffpunkte leider nur schwer zu verhandeln.
Wir haben also beschlossen, das Beste daraus zu machen und sind eben mitgegangen. Das Abendessen, das für uns organisiert wurde und selbst die Disko waren letztlich auch gar nicht schlecht und wir haben uns ganz gut amüsiert. Problem an der Sache war aber nicht nur, dass der Affenzirkus nach ein paar Stunden wirklich zur Zerreißprobe für die Nerven wurde, sondern dass unser Bus uns erst um 5 Uhr früh wieder ins Hostel gebracht hat. Ich für meinen Geschmack würde, um die Nacht durchzufeiern, eher in Pisa bleiben. Aber man kann das ganze natürlich auch im größeren Rahmen durchziehen. Muss man aber nicht, oder? Für mich war es jedenfalls das letzte Mal...
Müdigkeitserscheinungen in Parma
Denn am nächsten Tag, nach 2,5 Stunden Schlaf ging es weiter nach Parma. Meinen Gemütszustand nach einer so anstrengenden, schlaflosen Nacht kann man auf diesem Bild hier erkennen. Und ich war nicht die einzige, die eher schlafwandelnd durch Parma gezogen ist.
Es ist wirklich eine Schande, denn auch Parma ist eine tolle Stadt und hätte definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Leider kann ich von der Stadtführung, die wir auch dort bekommen haben, so gut wie nichts mehr wiedergeben. Ich war damit beschäftigt, im Stehen vor mich hin zu dösen und von meinem weichen Bett zu träumen. So viel kann ich aber noch sagen: Parma hat einen Dom, der vor allem von innen sehr sehenswert ist, und einen sehr schönen Park, den man ebenfalls im Bild auf der rechten Seite zum Teil sehen kann. Meiner Meinung nach hat die Innenstadt nicht die gleiche Expressivität wie Bologna, aber gefallen hat es mir auf jeden Fall auch. Zumal es eigentlich sogar ganz witzig war, weil meine Mädels und ich vor Übermüdung extrem albern waren und uns über die dümmsten Witze wahrhaft königlich amüsieren konnten. Auch nett.
Insgesamt war es also ein recht anstrengendes Wochenende, und ich war ehrlich gesagt sehr froh, als wir endlich wieder in Pisa angekommen waren. Dennoch habe ich zwei Dinge gelernt:
1) Bologna und Parma sind zwei wunderschöne Städte, die definitiv einen zweiten Besuch wert sind.
2) Mit ESN unternehme ich in Zukunft keine Reisen mehr. Zu viel Stress und zu wenig Organisation. Bisher habe ich immer noch das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen, wenn ich nicht bei allem dabei bin, was "die anderen" so machen. Aber ganz ehrlich: So etwas verpasse ich gerne.
Mit diesem fröhlichen Resümee verabschiede ich mich. Bis zum nächsten Mal!
Eure Lia











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Brigitte Leitherer (Samstag, 10 Dezember 2016 18:50)
Dein größter Fan, mach weiter so.