ItaLIA #5: Gedanken aus Italien
Buongiorno und Ciao a tutti!
Diese Woche gibt es keine allzu ausführlichen Reiseberichte, sondern eine Zusammenfassung mehrerer kleiner Erlebnisse. Es ist nichts unglaublich aufregendes passiert, aber dafür gab es viele schöne kleine Dinge, die mein Leben hier in Pisa aber gerade zu der Erfahrung machen, das es ist. Man lebt hier wirklich einfach mehr in den Tag hinein, unternimmt hier mal etwas, verbringt dort ein paar schöne Stunden... Ich nehme an, das ist das "dolce vita", von dem immer alle sprechen. Aber gerade das lässt die Zeit so unfassbar schnell vergehen. Die Wochen ziehen geradezu unbemerkt an mir vorbei und so ist mir letzte Woche aufgefallen, dass ich nun schon 2 Monate hier bin. Was bedeutet, dass ein Drittel meines Aufenthaltes schon vorbei ist. Wie gruselig! Einerseits denke ich dabei, dass ich schon total viel erlebt habe, andererseits habe ich auch das andauernde seltsame Gefühl, dass ich zu viel Zeit verschwende und man alles noch viel mehr genießen und auskosten müsste...
Aber genug herumphilosophiert, die letzten zwei Wochen habe ich unter anderem damit verbracht, das kulturelle Leben hier in Pisa auszukundschaften. Zum Beispiel war ich mit der esn-Erasmusgruppe Pisa in der Dalì Ausstellung im Palazzo Blu (an sich sehr interessant, nur die Organisation dieser Erasmus-Veranstaltungen ist immer das genaue Gegenteil irgendeiner Organisation...) und habe mit 2 Freunden das Museo della Grafica besucht, was ehrlich gesagt ziemlich langweilig war, aber kostenlos! Denn am ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt in die staatlichen Museen in Italien kostenlos. Klingt cool, ist aber eigentlich eine ziemliche Farce, denn in Pisa hat so gut wie jedes Museum am Sonntag entweder komplett geschlossen oder macht bereits um 13 Uhr zu (und wer in Italien verlässt sonntags vor Mittag das Haus? - Richtig, niemand!). Der Sonntag war dann aber trotzdem noch echt schön, denn wir sind anschließend noch Frozen Yogurt essen gewesen, haben dann im Cafè Sottobosco (eigentlich ist es eine Bar, aber die Definition von Cafè ist hier ohnehin ein wenig anders) Kastanien gegessen und ein Brettspiel gespielt, was wirklich cool war. Auch wenn es nicht einfach ist, Scotland Yard auf Italienisch zu spielen!
Ansonsten bin ich freitags immer fleißig zur Chorprobe gegangen (ich bin jetzt übrigens in den Sopran versetzt worden, jetzt darf ich ein paar Oktaven höher trällern. Ich sage nur Il signore è la mia forza!!!! Ein übler Ohrwurm, auch wenn man es nicht vermuten würde), habe mit Freunden Pizza gemacht und für meine Mitbewohner (und Freundin A. :D) Kekse gebacken. Wenn ich so im Rückblick darüber nachdenke, war es wirklich mega gemütlich. Das fällt einem ja so richtig oft erst im Nachhinein auf.
Ansonsten war ich zum ersten Mal im Kino (ein weiteres cooles monatliches Event - jeden zweiten Mittwoch kostet der Kinoeintritt nur 2 Euro), in dem Film "Non si ruba a casa dei ladri" - eine italienische Komödie, von der ich zwar längst nicht alles, aber doch erstaunlich viel verstanden habe! Und zu guter Letzt ist noch erwähnenswert, dass ich mit meinen beiden Mitbewohnerinnen und meiner Freundin A. (oh man, das ist so bescheuert... ) bei so einer Art Indie-Konzert in einer ehemaligen Kirche war. Die Organisation nennt sich Senza Filo und es treten eher unbekannte italienische Musiker und Gruppen auf. Die Stimmung war wirklich besonders, durch die spezielle Location der Kirche und die coole Akustik Musik. Außerdem war der gesamte Raum über und über mit Origami-Kranichen geschmückt. Der meiner Meinung nach beste Auftritt kam von einem Typ, der wahnsinnig coole Sachen mit seiner Gitarre angestellt hat. Ansonsten war es komplett still im Raum, man konnte einfach nur lauschen, die Gedanken treiben lassen und die Stimmung auf sich wirken lassen. Ein gelungener Abend!
Am Samstag konnte ich dann A. dazu überreden, sich mit mir "im größeren Rahmen zu verirren" - sprich wir sind nachmittags zum Bahnhof Pisa San Rossore gegangen und haben den nächsten verfügbaren Zug in Richtung Massa genommen. Wir sind dann einfach bei der ersten Station, die uns gefallen hat, ausgestiegen, weil dort die Landschaft so schön war - und zwar war das in einem Ort namens Pietrasanta, eine Station hinter Viareggio. Und wie es immer so ist: wir haben uns nicht wirklich viel davon versprochen, aber dieses Städtchen ist SO. SCHÖN!!!! Weiter unten könnt ihr euch dazu ein paar Fotos angucken. Vor allem die Natur ist wirklich schön dort. Den größten Teil unserer Zeit haben wir in einem am Hang gelegenen Olivenhain verbracht, haben Pan di Stelle gemampft und über viele wichtige und unwichtige Dinge gequatscht. Danach haben wir uns an den weiteren Aufstieg gemacht und... ach, seht einfach selbst!
"Senza filo"
Leider konnte ich bei den Lichtverhältnissen in der Kirche kein besseres Foto schießen. Aber die Origamis waren wirklich mega schön!
Pietrasanta
Von ganz oben konnten wir in Pietrasanta den Blick über die gesamte Stadt bei Sonnenuntergang genießen. Man beachte das Meer am Horizont!!!
San Frediano
Das ist "meine" Kirche hier in Pisa, in der ich seit Neuestem fleißig singe. Wer hätte gedacht, dass ich hier in Italien ausgerechnet in einem Kirchenchor lande?! Das soll nicht abwertend klingen, es macht wirklich viel Spaß und die Lieder gefallen mir sogar echt gut... Il signooooore.... Okay, okay. Schluss damit.
Ein ungeplanter Ausflug nach PIETRASANTA
Gestern (Sonntagmittag) war ich dann als braves Chormitglied zum ersten Mal im Gottesdienst der Kirche San Frediano. Ich muss gestehen, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich das letzte Mal in einem Gottesdienst gewesen bin (und sowas ist auf einer katholischen Schule gewesen, tzz), aber in einem italienischen war ich noch nie, so viel steht fest. Und es war witzig, weil irgendwie alles gleichzeitig vertraut und ungewohnt war und das ein ziemliches Chaos in meinem Kopf angerichtet hat. Das Vaterunser zum Beispiel kennt man ja eigentlich in- und auswendig, aber auf Italienisch kann man eben leider nicht mitreden...
Das Singen hat mir wirklich Spaß gemacht, trotzdem hat mich das Ganze auch wieder einmal zum Nachdenken gebracht (Achtung, es folgt ein philosophisch angehauchter Gedankenwust. Wer darauf keine Lust hat, liest lieber das nächste Mal wieder weiter, kann ich auch gut verstehen!).
Je öfter ich darüber nachdenke, umso weniger weiß ich, was ich von der Kirche im Allgemeinen und dem Ablauf eines Gottesdienstes im Besonderen halten soll. Einerseits finde ich es wirklich toll, dass es in dieser Kirche eine Jugendgemeinde gibt, die gemeinsam singt, kocht, Aktionen veranstaltet usw. Zudem ist es eine nette Gruppe, in der man sich auch als Neuankömmling gleich wohl fühlen kann. Das ist ja heutzutage auch geradezu etwas Besonderes! Andererseits erschreckt es mich, wenn mir ein Mädchen in der Messe erzählt, sie kann heute nicht zur Kommunion gehen, weil sie nicht gebeichtet hat. Was ist das für ein Glaube?
Wie kann man an einen Gott glauben, der sich um solche Oberflächlichkeiten kümmern würde?
Ich habe es schon immer mal wieder mit dem christlichen Glauben versucht, auch in Deutschland. Aber ich kann mich immer weniger damit identifizieren. Obwohl ich sogar einen festen Glauben habe. Aber nicht an irgendetwas, dem man einen festen Namen geben könnte, geschweige denn an etwas, das sich an einem Kruzifix über einem Altar festmachen ließe. Ich verstehe einfach das Konzept eines Gottesdienstes nicht. Obwohl, nein, das Konzept verstehe ich sehr wohl und ich finde es sogar großartig. Aber ich verstehe nicht, wie man so wenig daraus machen kann und in so starren Strukturen verharren kann. Den Gedanken, einmal pro Woche den Glauben, den man mit anderen Menschen teilt, zu feiern und einen regelmäßigen Termin dafür wahrzunehmen, finde ich unglaublich schön. Es hat auf irgendeine Art auch gut getan, wieder mal an einem Sonntag in die Kirche zu gehen. Es ist schön. Es gibt mir ein gutes Gefühl.
Aber gleichzeitig habe ich mich auch ein wenig wie im falschen Film gefühlt. Genauer betrachtet sitzen dort eine Menge Leute auf Holzbänken vor einem Kreuz mit einem blutüberströmten Jesus, über den man sich doch eigentlich freuen soll, und beten vorgefertigte Gebete. Folgen einer festen Struktur, die mal abgesehen von ein paar Fürbitten kaum Platz für Individualität bietet. Hören einem gelangweilten Pfarrer zu, der ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter macht. Es fällt mir schwer, mir einen Gott vorzustellen, der daran Freude hat. Wo bleibt da Freude, Glück, Seligkeit, Freiheit?
Wahrscheinlich ist das, was ich da gerade schreibe, aus katholischer Sicht eine Sünde hoch tausend und ab sofort darf auch ich bestimmt nicht mehr zur Kommunion gehen (geschweige denn ich gehe zur Beichte, haha...ha). Aber ich könnte mir so viele schönere Arten vorstellen, wie man einen Gottesdienst gestalten könnte. So viele Arten, wie man seinen Glauben (woran auch immer!) feiern könnte.
Ich würde mich sehr freuen, wenn mir jeder, der Lust hat, in den Kommentaren antworten würde, was er darüber denkt und meinen philosophischen Diskurs hier ein wenig unterstützt. Ich kann nämlich sehen, dass inzwischen einige Leute mitlesen! :D
Auch über anderweitige Kommentare freue ich mich natürlich, dann habe ich nicht mehr so sehr das Gefühl, Selbstgespräche zu führen. Danke an dieser Stelle schon einmal Mama, Helge und Gerald für eure Kommentare!
Damit schließe ich für heute, und lasse euch mit meinen Gedanken allein.
Lia






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Brigitte Leitherer (Samstag, 26 November 2016 20:01)
Dann geh mit gutem Beispiel voran und mach Vorschläge!